Vorhang auf: Sven-Eric Bechtolf

Fotocredits: © Luigi Caputo

Der 1957 in Darmstadt geborene Schauspieler, Regisseur, Intendant und Leiter des Schauspiels bei den Salzburger Festspielen gilt in der Szene als begnadeter Kreativer und akribischer Arbeiter, aber auch als kritischer Freigeist und schonungsloser Kritiker.

Die Verbundenheit zu Salzburg hat eine lange Tradition, denn Sven-Eric Bechtolf erhielt seine Ausbildung am dortigen Mozarteum. Seine Engagements als Schauspieler führten ihn unter anderem an das Zürcher Schauspielhaus, an das Schauspielhaus Bochum, das Hamburger Thalia Theater, an das Wiener Burgtheater, an das Almeida Theatre in London sowie zur Ruhrtriennale. Für seinen Leistungen als Darsteller erhielt er zweimal den Nestroy-Theaterpreis und 2010 den Albin-Skoda Ring. In Christian Stückls Inszenierung des Jedermann spielte er 2007 und 2008 die Rollen Guter Gesell und Teufel. Als Opernregisseur trat er erstmals mit Bergs Lulu am Opernhaus Zürich in Erscheinung. Des Weiteren inszeniert er regelmäßig an der Wiener Staatsoper und bei den Salzburger Festspielen, zum Beispiel Ariadne auf Naxos und seinen Zyklus der drei Da Ponte-Opern von Mozart. stil&wert sprach mit dem Künstler über Förderungen, Wertigkeiten und die letzten Tage der Menschheit.

Alexander Kurz: Wie geht es Ihnen mit der Situation, einerseits ein so erstaunliches Produkt wie die Festspiele auf die Beine zu stellen, und dann permanent mit finanziellen Tohuwabohus konfrontiert zu werden?

Sven-Eric Bechtolf: Es stimmt schon, von Jahr zu Jahr werden die Mittel effektiv betrachtet weniger, weil vom Bund, dem Land und der Stadt die tariflich vereinbarte Lohnerhöhungen und die Inflationsrate nicht valorisiert werden. Dabei sind die Subventionen auf dem Niveau von 1998 und man kann sich leicht vorstellen, dass die Zuwendungen heute alles in allem ungefähr 40 Prozent weniger wert sind, als sie es damals waren. Welcher Betrieb kann das verkraften?

 

Und dann gibt es ja noch die Zwistigkeiten mit Alexander Pereira und der Mailänder Scala: Eigentlich hätte doch durch den Verkauf mehrerer Opern ordentlich Geld fließen sollen.

Wir sind bei dieser Vereinbarung kein Risiko eingegangen, sondern haben eine rechtsverbindliche Erklärung darüber. Ich weiß, dass die Scala Wort hält und glaube daran, dass Alexander Pereira dort Intendant bleiben wird. An diesem Geschäft ist nichts Unlauteres, sondern es ist tatsächlich eine Win-Win-Situation für beide Seiten. Man muss sich ja vorstellen, dass es dafür keinen bestehenden Markt gibt. Man kann nicht einen Stand aufschlagen und rufen: „Hier hätte ich noch ein Bühnenbild, wer will? Oder: Braucht jemand zufällig eine tolle Inszenierung?“. Im Gegenteil: Man muss tatsächlich Leute und Häuser mühsam suchen, die das eventuell machen wollen. Bei einem Stück wie Don Carlos sind Großadaptionsarbeiten notwendig, um es den Bedingungen anderer Theater anzupassen und repertoiretauglich zu machen. Ich weiß, dass bei diesem Geschäft keiner den anderen übervorteilt hat. Beide Institutionen können froh sein, dass es zu dieser Vereinbarung gekommen ist. Und ich bin überzeugt davon, dass sie auch korrekt abgewickelt wird.

 

Nochmals zurück zur finanziellen Situation der Festspiele: Kann die hohe Qualität gehalten werden?

Eigentlich ist es unmöglich geworden, das Festival unter diesen Bedingungen auf dem bisherigen Niveau zukünftig weiter zu betreiben. Sie können sich ja vorstellen, dass die Situation jedes Jahr schlimmer wird. In Wirklichkeit haben wir ein strukturelles Defizit von einigen Millionen Euro, das wir aber immer aus eigener Kraft ausgleichen konnten. Jetzt allerdings sind die Rückstellungen aufgebraucht. Wir sind damit an einem Punkt angekommen, an dem es so nicht weitergeht. Aber das Problem haben inzwischen alle – der Staatsoper in Wien und dem Burgtheater geht es genauso.

 

Gerät da die Kultur nicht absurd ins Hintertreffen?

Das Schreckliche ist, dass wahnsinnig viele Leute in der Gegend rumstehen und rufen: „Wunderbar, was sich jetzt für Chancen für einen Neubeginn auftun!“. Die faseln von Umbau und Restrukturierung, versündigen sich aber in Wirklichkeit an diesen unersetzbaren Institutionen! Das ist doch der reine Unfug. Wenn das mühsam Erreichte erst einmal abgeschafft und zusammengeschlagen wurde, dann kommt es NIE wieder! Wir brauchen in diesem wegweisenden Moment die Solidarität des Publikums. Und es ist auch höchste Zeit für die Journalisten, damit aufzuhören, sich als Brandstifter zu gefallen.

 

Aber gerade die Salzburger Festspiele sind doch ein Sonderfall.

Stimmt genau, denn die sind darüber hinaus natürlich ein Wirtschaftsfaktor allererster Güte. Sie wissen das als Salzburger wahrscheinlich noch besser als ich, laut einer Studie aus dem Jahr 2011 weisen wir wir eine Umweg-Rentabilität auf, die bei 250 Millionen Euro pro Jahr liegt. Wir zahlen deutlich mehr Abgaben und Steuern als wir Subventionen und Förderungen erhalten. Wir sind also ein gutes Geschäft für den Bund, das Land und die Stadt. Jedenfalls so lange wir noch produzieren können.

 

Wollen Sie da konkreter werden?

Sehen Sie: Wir sind einer der größten Arbeitgeber in der Region – im Sommer arbeiten hier tausende Menschen. Ich habe Herrn Minister Ostermayer gesagt, dass wir keine Subventions-, sondern eigentlich lohnende Investitionsnehmer sind. Und da kommt man sich dann schon manchmal etwas idiotisch vor, wenn man das seinem Gegenüber immer wieder und wieder erklärt und sich nichts tut.

Was mich aber noch mehr erschreckt, ist dass dieser Fakt auch von Kulturjournalisten nicht begriffen wird. Mir wurde unlängst von einem gesagt: „Sie bekommen doch 60 Millionen Euro Subvention.“. Meine Antwort: „Lest Ihr eigentlich die Presseaussendungen, die wir euch schicken? Wir kriegen 13,5 Millionen Subvention, 60 Millionen sind unser Budget!“. Ich habe schon überlegt, ob ich nicht vor der Handelskammer in Salzburg sprechen sollte um den Geschäftsleuten klarzumachen, was wir hier leisten und was auf dem Spiel steht. Ihr Umsatz nämlich! Also, das ist eine vertrackte Situation und es ist dringend an der Zeit, dass Bekenntnisse formuliert werden denen Taten folgen.

 

Geht es nicht gerade bei der Budgetierung um eine starre Haltung des Bundes und um eine Zeit, in der das Wissenschaftsministerium in das Wirtschaftsministerium eingegliedert wird?

Nehmen Sie zum Beispiel die Bankenrettung. Konkret die Hypo Alpe Adria. Da kann man ja auf dem Standpunkt stehen:„Ja, der Staat soll das durchaus machen; der soll da jetzt einspringen.“ Dann muss man aber auch zugleich fordern, dass der Staat die Verhältnismäßigkeit wahren muss. Das heißt, dass er, wenn er A sagt auch B sagen muss. Und wenn er das nicht kann, auf die Rettung von Banken mit Hilfe von Steuergeldern verzichten muss, statt in skandalöser Einseitigkeit seine eigentlichen Aufgaben zu vernachlässigen.

 

Wie können Sie innerhalb dieser Rahmenbedingungen ein spannendes, visionäres Programm aufstellen, durchführen und organisieren?

Was das Schauspiel angeht, bin ich in einer auch für einen Laien leicht nachvollziehbaren, finanziellen Situation. Denn tatsächlich leben wir in dieser Sparte durch und vom Jedermann, der uns das Geld einspielt um ihn a) zu produzieren und weiterzuführen, sowie b), die anderen Produktionen positiv abschließen zu können. Das heißt, dass ich ausschließlich mit diesem Geld wirtschafte und davon noch einen Gutteil als Deckungsbeitrag in den großen Topf der Festspiele abgebe. Dieser Betrag steigt jährlich signifikant. Trotzdem: Meiner Abteilung geht’s noch relativ gut, aber wir merken natürlich an jeder Ecke, dass es ganz, ganz eng wird. Wenn man jeden Cent fünfmal umdrehen muss, ist das okay. Bei 15-mal umdrehen wird es dann mit der Zeit wirklich zermürbend.

 

Das klingt nach einer echten Herausforderung, besonders was das Programm betrifft.

Wir müssen herausragende Qualität schaffen. Denn was sind Festspiele eigentlich? Was wollen sie? Wozu gibt es sie überhaupt? Wenn sie einen Sinn haben sollen, dann glaube ich, dass Festspiele die Kunst feiern müssen. Nicht das Publikum und auch nicht die Künstlerinnen und Künstler, sondern tatsächlich diese edelste Hervorbringung unserer Gattung! Und das können sie nur in exemplarischen Aufführungen tun. Was wiederum bedeutet, dass man versucht, Leute zusammenzubringen, von denen man glaubt, dass sie bestimmte Projekte auf einzigartige Weise gelingen lassen können. Das müssen nicht immer die berühmtesten sein, aber es sollten – zumindest in der subjektiven Betrachtung – die besten dafür gewonnen werden. Das kostet nun mal Geld. Dann ist zwar immer noch nicht sicher, ob es gelingt, aber die Bedingungen dafür wurden wenigstens geschaffen. Bekanntlich kann man Wunder nicht organisieren, aber umzingeln muss man sie.

Jetzt eine für uns ganz spannende Frage. Welches Publikum streben Sie an? Sollen die Leute jünger, sollen sie internationaler werden?

Ich werde immer ein bisschen ungeduldig, wenn ich das Wort „jung“ lobpreisend höre. Jungsein ist ja kein Verdienst. Die ganze Welt ist inzwischen adoleszent. Das ist doch grauenhaft. Wahr ist aber tatsächlich, dass die „Flamme“ weitergegeben werden muss. Das heißt, dass wir natürlich auch die nächste Generation für Salzburg interessieren wollen. Schon deshalb dürfen wir nicht nur der Vergangenheit sondern wollen auch der Gegenwart und der Zukunft verpflichtet sein, dass ist vollkommen klar. Aber wir müssen das nicht im Jugendwahn fiebernd bewerkstelligen. Wir haben es mit einem extrem kenntnisreichen Publikum zu tun, das schon viel gesehen und gehört hat. Und das Lust hat, sich im Sommer ein bisschen aus seinen alltäglichen Verpflichtungen und Verbindungen zu lösen, um sich zu besinnen. Und zwar in einer – wie ich finde – der schönsten Landschaften und einer der attraktivsten Städte Europas. Diese Feierlichkeit und auch diese Energie spürt man sehr stark: Auf der einen Seite brummt der Apparat und auf der anderen Seite die Stadt. Das meine ich jetzt nicht nur merkantilistisch, sondern man hat das Gefühl, dass sich, wie es Markus Hinterhäuser einmal formulierte, die emotionale „Temperatur erhöht“. Das ist eine herrliche Sache.

 

Worauf freuen Sie sich heuer besonders?

Also Werbung würde ich gerne für „The Forbidden Zone“ machen. Ich glaube, dass das ein hochinteressantes Projekt wird. Es behandelt das Schicksal der Chemikerin Clara Immerwahr, das jetzt immer mehr bekannt wird. Diese Familientragödie die bis in die 40.iger Jahre hineinreicht und von Kathy Mitchell mit filmischen Mitteln auf der Perner-Insel umgesetzt werden wird, sollte man nicht verpassen.

Und natürlich auch nicht den „Golem“ von der Gruppe 1927, die wirklich außergewöhnliche, „handmade“ Animationen machen und mit den Aktionen der Schauspieler virtuos verbindet. Beide Produktionen sind unbedingt sehenswert.

 

Und „Die letzten Tage der Menschheit“. Was gibt es dazu zu sagen?

Also darüber könnte man endlos reden und sich darüber begeistern. Merkwürdigerweise lässt sich Kraus aber nicht durch diese Bewunderung vereinnahmen. Man spürt heute noch seine unnahbare Strenge und ahnt mit Scham welche Hektoliter an Vitriol er über uns Heutigen auszugießen im Stande wäre. Kraus hat eine heraustagende Einzelstellung in der Geschichte. Er nimmt in den „Letzten Tagen“ eine Technik der Literatur unserer Tage vorweg – die Montage von Originaldokumenten, die von Geist und Ungeist einer Zeit oft mehr verraten als jede Dichtung. Immer noch aktuell wird hier offenbart, wie gefährlich die mediale Berichterstattungen in Krisen ist. Er macht die Presse ja ausdrücklich zu Mitverantwortlichen an diesem Krieg. Dieses einem „Marstheater“ zugedachte Mammutwerk hat 220 Szenen, in denen mehr als ein halbes Tausend Figuren auftreten. In kurzen Szenen und chronistischen Ausschnitten lässt er ein Panorama der Zeit auferstehen dessen verbindendes Element die entfesselte Unvernunft ist. Kraus hielt sein Stück für unaufführbar. Wir würden ihm und uns gerne beweisen, dass es doch wenigstens möglich ist seinen Geist und seinen Scharfsinn in der Essenz zu vermitteln.

 

Und wir freuen uns auf die Festspiele 2014. Herzlichen Dank, Herr