Schneller schöner selten

Was im Jahr 1900 als ultimative Rennmaschine gezeichnet wurde, ist heute ein elegantes Segelboot für Gentlemen (und Ladies) – und zeigt immer noch manch modernerem Design das Heck.

So geht Geschichte, um die sich Legenden ranken: Das wesentlichste Kriterium, um eines der seit über 100 Jahren heiß begehrten Objekte der Seglerbegierde steuern zu dürfen, war die Auflage, dass der Eigner sein Vermögen nicht mit „seiner Hände Arbeit“ erwirtschaftet haben durfte. Und das auf ausdrücklichen Befehl seiner Majestät, Kaiser Wilhelm des Zweiten.

Tatsächlich wurde mit der Sonderklasse die erste internationale Rennklasse geschaffen – der Kaiser beabsichtigte damals, die Engländer so zur Teilnahme an der Kieler Woche zu bewegen. Die Länge der Wasserlinie plus Breite plus Tiefgang durften das Maß von 9,75 Meter nichtüberschreiten, die Segelfläche nicht größer als 51 m² sein und der Preis maximal 5.100 Mark betragen. Diese einfache und relativ offen gehaltene Formel führte dann dazu, dass es heute weltweit 400 verschiedene Versionen gibt – die allerdings eines gemeinsam haben: Es gibt, jedenfalls auf unseren Binnenseen, kaum ein anderes Boot, das eleganter wäre – und nach wie vor nur wenige, die schneller sind.

Kein Wunder also, dass 113 Jahre später noch immer die Seglerherzen höher schlagen, wenn eines dieser wunderbaren Exemplare irgendwo auf einem See im Salzkammergut auftaucht. Die höchste Chance auf eines dieser unvergesslichen Erlebnisse wird man am Attersee haben. Dort haben sich – standesgemäß in Österreichs traditionsreichstem Yachtclub, dem Union-Yacht- Club Attersee – die stolzen Besitzer von sage und schreibe 13 Sonderklassen niedergelassen. Und nirgendwo sonst würde diese traditionsreiche Bootsklasse passender am Steg oder an der Boje liegen als in diesem nahezu ebenso alten Yacht-Club – noch dazu an diesem See des Salzkammerguts mit dem unvergleichlichen Türkisgrün. Der (Sports-)Geist der Besitzer spiegelt die Ambitionen der Konstrukteure der Sonderklassen wider. So wird heute noch in regelmäßigen Abständen gesegelt, bis die Balken krachen, und damit bewiesen, dass die teilweise jahrzehnte alten Wunderwerke – teils sind sie nahezu 100 Jahre alt – auch heute noch halten, was ihre Erbauer schon 1900 versprachen: kompromissloses Rennsegeln. Da aber ehrgeiziges Regattasegeln nicht alles ist, kann man bei leichten Winden auch mit viel Stil und elegant gemütlich über den See gondeln, unter den bewundernden, manchmal auch etwas neidvollen Blicken der vielen anderen Segler, Ruderbootfahrer und Landratten.

Der hohe Anspruch geht aber noch viel weiter: Eine Sonderklasse kann man kaum käuflich erwerben. Derartige Unikate werden von Generation zu Generation in der Familie weitergegeben, und nur ganz selten kommen einzelne Exemplare auf den Markt. Dazu kommt, dass die Holzbauweise und die für Binnenseen doch beachtliche Größe der Sonderklasse viel seglerisches Fingerspitzengefühl und Können und noch mehr Liebe erfordern! Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum die Besitzerfamilien oft mit ihren Lieblingen geradezu identifiziert werden und dies auch mit berechtigtem Stolz genießen. Traditionen haben einen Wert im Salzkammergut und werden dort im Alltag gelebt. Das kann man an der Alltagstracht ablesen – oder eben auch an der Zuneigung zu traditionellen und edlen Booten erkennen.

Die Flotte der Sonderklassen im Union-Yacht-Club Attersee ist ein Renommee für den See und ein wenig auch die Wiedergeburt einer Vision, die im Norden Deutschlands ihren Ausgang genommen hat und über Konstrukteure in Europa und den USA zu immer schnittigeren, ästhetischeren Formen und Designs führte. Dieses elegante Sportgerät begeistert heute noch die Fanwelt und überstand Ausflüge in glasfaserverstärkten Kunststoff und in die Kohlefaser völlig unbeschadet. Wer mehr über die Sonderklassen und über diese traditionsreichen Bootsformen auf unseren Salzkammergut-Seen nachlesen möchte, dem können wir das neue Buch von Dr. Thomas Richter und Gert Schmidleitner empfehlen, derzeit das aktuellste und kompletteste Sammelwerk in diesem Segment. Das Buch erscheint im Oktober 2013 im Kehrwasser Verlag.