Mit Laib und Seele

Seit dem Jahr 696 leben, beten und arbeiten hier Mönche. Die Erzabtei St. Peter blickt als ältestes Kloster im deutschen Sprachraum auf eine ungebrochene Kontinuität im Herzen der Salzburger Altstadt zurück. Und sie hat so manche geheimnisvolle Geschichte zu erzählen.

Das Kloster St. Peter in Salzburg wurde vom Wormser Bischof Rupert als Missionskloster in den Südostalpen gegründet. Fast dreihundert Jahre lang – bis ins Jahr 987 – war der jeweilige Salzburger Erzbischof in Personalunion auch Abt von St. Peter. Im Mittelalter besaß St. Peter eine hervorragende Schreibschule. Das Antiphonar von St. Peter zählt zu den wichtigsten Werken der Salzburger Buchmalerei des 12. Jahrhunderts. Seinen Inhalt bilden Gesänge des Stundengebetes. Es wird in der Österreichischen Nationalbibliothek aufbewahrt. Bis heute hat das Kloster nichts von seiner Bedeutung und Faszination für Stadt und Land Salzburg verloren.

Rund um die Abtei ranken sich darüber hinaus spannende Anekdoten und historische Episoden, die meist für Erstaunen sorgen und viel Spannendes zu Tage bringen. Einer, der sich mit dieser Thematik bestens auskennt, ist Erzabt Korbinian Birnbacher. Mit ihm führte stil&wert das folgende interessante Gespräch.

stil&wert: Mönche und Bier gehören ja zusammen wie das Amen zum Gebet. Stimmt es, dass Sie mit dem Peterskeller das älteste Wirtshaus Europas beherbergen?

Erzabt Korbinian Birnbacher: Na ja, mit diesem Anspruch wird jedenfalls schon seit über 100 Jahren geworben. Begründet liegt das in der ersten öffentlichen Erwähnung – einigen Lobgedichten Alkuins, die dem damaligen Abt und Bischof Arn gewidmet waren. Und in diesen ist auch die Rede von der Taberna. Findige Touristiker, so es die damals überhaupt gegeben hat, haben das dann sehr schnell vermarktet. Deshalb ist zumindest unwidersprochen, dass es hier nachgewiesenermaßen seit dem Jahr 803 diesen Keller gibt.

Und was für ein Bier wurde da ausgeschenkt?

Erstaunlicherweise lange Zeit überhaupt kein Bier, sondern erst seit dem Erwerb der sogenannten „Biergerechtigkeit“ im Jahr 1786. Die Taberna war vorher jahrhundertelang ein reiner Weinkeller. Das hat mit der ständischen Geschichte der Klöster zu tun; so gab es Bierklöster – die waren eher die untere Kategorie – und eben die Königsklasse der Weinklöster. Das setzte nämlich voraus, dass man zumindest Weinhandel betrieben oder sogar selber Weinberge besessen hat. St. Peter hat bis heute noch zwei Weingüter, eines in Wien-Dornbach mit einem sehr schönen Heurigen, und ein anderes in Krems. Aber man hat damals auch Wein zugekauft. St. Peter hat bis ins 19. Jahrhundert hinein wesentlich von Weinhandel und -ausschank gelebt. Das weiß man heute gar nicht mehr. Es zeigt aber auch, wie sich die Wirtschaft wandelt und immer wieder unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden müssen.

Wo liegen heute die wirtschaftlichen Schwerpunkte von St. Peter?

Wir haben nach wie vor unsere landwirtschaftlichen Betriebe, das gehört zu einem Kloster einfach dazu. Dabei bezieht sich unsere Landwirtschaft natürlich längst nicht mehr rein auf Weinbau, sondern eher auf die klassischen Aufgaben wie Ackerbau und Viehzucht, wie zum Beispiel in Giesham, das auf dem Weg von Hallwang nach Daxlueg liegt. Dann besitzen wir noch Gut Pabenschwandt bei Plainfeld, eine richtige Enklave mit einem sehr schönen Gebäude. Oder auch den Überackerhof bei Anif, dessen Landwirtschaftsflächen allerdings verpachtet sind. In Oberösterreich bewirtschaften wir in Breitenau einen weiteren Hof mit einer renommierten Schweine- und Hühnerzucht. Aber wer nur von der Landwirtschaft leben müsste, würde sich heutzutage sehr schwertun. Einen großen Teil unserer Einnahmen beziehen wir derzeit eher aus unseren Immobilien, die früher eigentlich gar nicht viel wert waren. Davon wurden noch im 19. Jahrhundert sehr viele verkauft – wobei man heute sagen würde: „Um Gottes willen!“.

Maria Plain gehört doch auch zu St. Peter, oder?

Ja, natürlich, aber Maria Plain ist keine Landwirtschaft, sondern ein Wallfahrtsort. Das ist ein Kultur- und Landschaftsdenkmal, eine geschützte Zone, wo nichts verändert oder dazugebaut werden darf. Warum auch: Es ist – so wie es ist – ein einmalig schönes Ensemble. Gegenwärtig sind wir ja dabei, die Kirche zu renovieren. Und innen ist ein sehr schönes Gitter, das den Altarraum oder das Gnadenbild von den Gläubigen trennt, wie es früher üblich war. Wir haben versucht, den neuen Altarraum so anzuordnen, dass eine Art Trichterwirkung entsteht – also, dass die Aufmerksamkeit durch das Verhüllen eigentlich gesteigert wird. Hier sind wir ständig im Dialog mit den Behörden, in diesem Fall dem Bundesdenkmalamt. Aber das ist sicherlich etwas, was sehr wichtig ist und ganz wesentlich zur Philosophie der Benediktiner gehört. Wir leben nicht eine abgehobene Spiritualität. Im Gegenteil, wir sind durch die Herausforderungen des Alltags positiv geerdet. Unser Ordensgründer Benedikt sagt in seiner Regel: „Auch die profanen Dinge wie die Werkzeuge des Klosters sollen letztlich wie heiliges Altargerät behandelt werden.“ Gemeint ist damit der sorgsame Umgang mit allen Dingen. Dies ist letztlich der Grund, weshalb in unserem Haus Kunst- wie Alltagsobjekte in so hervorragendem Zustand erhalten sind. Man hat einfach darauf geachtet: So eine Kommode zum Beispiel war vor 250 Jahren eigentlich nichts Besonderes. Aber heute ist sie natürlich ein wertvolles Stück.

Der hat ihnen dann mal 200, mal 300 oder gar 500 Gulden geliehen – und wie es dann bei Fälligkeit des Kredits oft so kommt: nichts da.

Ist das ein Hinweis auf das perfekt restaurierte und neu eröffnete Domquartier mit seinem Riesenfundus an Kleinoden, Domschätzen und fantastischen Exponaten?

Natürlich. Es ist zwar nicht immer praktisch, hier in diesen Räumen zu leben – noch vor wenigen Jahren waren viele Räume ein reines Depot. Und wir haben ja eine sehr umfassende – wie ich sie gerne nenne – Kunstansammlung. Da sind selbstverständlich auch Objekte dabei, die größtenteils sehr zufällig zu uns gekommen sind. Und zwar in vielen Fällen so: St. Peter war immer bekannt für seine gediegene Wirtschaft. Das Erzstift Salzburg hingegen wurde von einem mehr oder weniger ökonomisch denkenden Fürsterzbischof geführt. Die 24 hochadeligen Domherren waren teilweise in die Regierung miteingebunden und hatten das Recht, den Erzbischof zu wählen. Die meisten von ihnen haben aber ein zu flottes Leben geführt und sind dann irgendwann in wirtschaftliche Nöte gekommen. Weil der Erzbischof aber nicht wissen durfte, dass sie irgendwo einen Kredit aufnehmen mussten, sind sie oft heimlich zum Abt von St. Peter gegangen. Der hat ihnen dann mal 200, mal 300 oder gar 500 Gulden geliehen – und wie es dann bei Fälligkeit des Kredits oft so kommt: nichts da. Die überlieferten Tagebücher der Äbte sind voll mit Notizen über solche Ereignisse: „Heute war der Domherr Graf Attems oder Graf Königsegg“ – oder wie sie alle geheißen haben – „bei mir und konnte wieder nicht zahlen. Stattdessen bietet er mir ein chinesisches Porzellan-Service, einen besonderen Spiegel, eine wertvolle Uhr oder eben ein Gemälde an.“ Zähneknirschend akzeptierte dann der Abt, um wenigstens irgendetwas auszugehen. Festgehalten wurden diese Fälle als eine Art Rechtfertigung für die vielen großteils profanen Gegenstände im Klosterbesitz, weil die Berufung der Äbte wahrlich nicht das Sammeln von Kunst war.

Aus heutiger Sicht betrachtet aber ein doch sehr angenehmer Zustand für ganz Salzburg.

Das stimmt natürlich, denn man kann sich leicht vorstellen, dass in über 1.300 Jahren Kontinuität viel zusammengekommen ist. Und heute sehe ich es auch als einen öffentlichen Auftrag, diese im Grunde unschätzbare Sammlung zu erhalten und sie nach Möglichkeit auch zugänglich zu machen. Darum bin ich wirklich froh, dass wir das Museum St. Peter im Domquartier eröffnen konnten. Die Realisierung war eine Großtat aller Beteiligten und hat eine absolute Win- Win-Situation entstehen lassen: Erstmals können wir diese wirklich wertvollen und einzigartigen Objekte einer breiten Öffentlichkeit präsentieren und damit unser Problem, was wir damit machen sollten, lösen.

Kann man sagen, dass die Modernität der Präsentation für ein Kloster auch ein Meilenstein ist?

Es war natürlich eine schwere Aufgabe, zuerst die eigenen Mitbrüder von der Sinnhaftigkeit und den damit verbundenen Kosten einer Dauerausstellung zu überzeugen. Es ist bei uns ein ständiges Abwägen: Was ist wichtiger – kultureller oder sozialer Auftrag? Letztendlich haben wir uns für das richtige Signal entschieden: Mit einem modernen Museum haben wir ja auch die Möglichkeit, uns selber und unser Leben in einer zeitgemäßen Sprache, zum Beispiel über Video-Screens, zu präsentieren. Natürlich kann man 1.300 Jahre nicht einfach in einer Wurst erzählen, deshalb haben wir insgesamt neun Geschichten inszeniert, mittels derer die unterschiedlichen Themenkomplexe angesprochen werden. Der Bogen spannt sich dabei vom mittelalterlichen Kloster bis hin zum heutigen Leben als Benediktiner-Mönch im 21. Jahrhundert.

Wie definierte man denn die Ambition dahinter?

Also die Leute sehen ja normalerweise nur eine Klostermauer und vielleicht diesen gewagten Einblick in den Kreuzgang – das ist immer faszinierend, das strahlt irgendwie Friede aus und weckt jedenfalls eine Sehnsucht bei den Menschen, da hineinzukommen. Umgekehrt definiert sich das Klosterwesen aber ganz klar über andere Prioritäten und ist eine abgeschlossene Welt. Wahrscheinlich macht genau dieser Reiz der Gegensätze das Domquartier zu so einem spannenden Platz.

Eine anderer erlebbarer Berührungspunkt ist bekanntlich die Stiftsbäckerei St. Peter mit dem wahrscheinlich besten Roggenbrot weit und breit.

Stimmt – und auf diese sehr schöne Tradition der ältesten aktiven Bäckerei Salzburgs sind wir sehr stolz. Der Chef der Backstube, Franz Grabmer, leitete früher unsere Stifts- und Salzachmühle, aber statt in Pension zu gehen, hat er die Bäckerei in Pacht übernommen und backt dort sozusagen nach dem Reinheitsgebot, wie er es nennt. Das Thema „gesundes Brot“ mit echtem Sauerteig, bester Hefe und langsamer Teigführung ist ihm das wichtigste Anliegen. In unserem riesigen Holzofen, der schon gut und gerne 300 Jahre auf dem Buckel hat, entsteht so täglich unser bestes Brot. Der Meister lässt es sich übrigens nicht nehmen, jeden Morgen um halb acht persönlich den ersten Laib anzuschneiden und zu verkosten. Erst danach wird das Tor zur museal anmutenden Bäckerei mit ihrem sehenswerten, hölzernen Wasserrad geöffnet.

Der Meister lässt es sich übrigens nicht nehmen, jeden Morgen um halb acht persönlich den ersten Laib anzuschneiden und zu verkosten.

Stichwort „Öffnung“ – Thema „Advent“: Da gibt es auf dem kleinen, ganz besonders begehrten St.-Peter- Friedhof eine sehr beliebte Tradition mit vielen treuen Anhängern, die aber längst nicht alle kennen, oder?

Der Petersfriedhof geht auf die Zeit vor das christliche Salzburg zurück und ist das älteste Gräberfeld, das noch „bestorben“ wird, aber eben auch lebt. Für uns Christen ist der Friedhof ein Ort der Auferstehung und des Lebens. Das 19. Jahrhundert – die Romantik – hat diese Felswand und dieses Ensemble mit der Festung als ein ganz starkes und typisches Motiv entdeckt und das ist seither fast eine Ikone geworden. Der Mythos Petersfriedhof – wer bekommt dort ein Grab und wer nicht – ist ganz einfach zu beantworten: Es gibt sehr viele Salzburger Familien, ob jetzt hochgestellt oder ganz einfach, die seit Generationen ein Grab haben. Und denen niemand ein Grab nehmen kann. Fakt ist auf jeden Fall, dass nur sehr selten Gräber frei werden. Und deshalb haben wir es seit Generationen so geregelt, dass der jeweilige Erzabt von St. Peter die Entscheidung trifft, wer ein Grab, das neu vergeben wird, bekommt. Aber alle, die sich gerne einmal die besondere und wirklich einmalige Stimmung an diesem Ort der Besinnung gönnen möchten, sollten am Heiligabend (24.12. um 17.30 Uhr) hierher pilgern, sich neben die Gräber stellen und lauschen, wenn die Turmbläser „Stille Nacht“– spielen und die Anwesenden spontan mitsingen. Das ist sicher einer der schönsten und ergreifendsten Momente im Salzburger Advent.

Herr Erzabt, wir bedanken uns sehr herzlich für diese erfrischende und wirklich lehrreiche Unterhaltung.