„Jeder Mensch ist Weltgeschichte“

1919 in Salzburg als ältestes Kind von Baron und Baronin von Mayr-Melnhof geboren, avancierte Marianne Fürstin zu Sayn-Wittgenstein-Sayn zu einer international bekannten Fotografin und Zeitzeugin der High Society. Über die Qualitäten ihrer Bildkunst sprach stil&wert mit dem weltweit agierenden Sammler Rudolf Budja, dessen Galerie ARTMOSPHERE seit 2003 der so genannten „Sayn-Wittgenstein-Collection“ eine Dauerausstellung in Salzburg widmet.

Wo immer auf dieser Welt die Fürstin mit ihren Kameras erscheint: Die Türen öffnen sich und niemand wendet ihr den Rücken zu. Mit ihren Fotografien dokumentiert sie seit über 60 Jahren Zeitgeschichte und gilt dank ihres uneingeschränkten Zugangs zu allen herausragenden Persönlichkeiten aus Adel, Politik, Film, Sport und Kultur als geradezu seismologische Beobachterin des 20. und 21. Jahrhunderts. Alle waren sie gerne bereit und wurden auf Zelluloid verewigt: Romy Schneider, Gunter Sachs, Ari Onassis, Andy Warhol. In vielen Jahrzehnten entstand so ein Kaleidoskop der eigenen Biografie. In diesem Sinne kann man ihren Kosenamen „Mamarazza“ geradezu als Ritterschlag der Kunst-Fotografie bezeichnen. Den liebevollen Titel verpasste ihr übrigens Caroline von Monaco, die selbst ja nicht gerade ein wohlwollendes Vertrauensverhältnis zur knipsenden Zunft unterhält.

stil&wert: Herr Budja, was ist für Sie das Besondere an den Arbeiten der „Mamarazza“?

Rudolf Budja:

Das ist einfach – es sind der Blickwinkel, die Perspektiven und natürlich dieses unsäglich einfühlsame Gespür, diese nuancierten Beobachtungen von Künstlern, Rennfahrern, Operndiven, Stardirigenten und Glamourgrößen mit der Kamera einzufangen und festzuhalten. Und vor allem dieses Taktgefühl, mit dem ihr ganz persönliches Credo zum Bildnis weit über das hinausgeht, was eine schlichte Porträtaufnahme oder gar ein zufällig gewählter Schnappschuss vermögen.

Man könnte also sagen, dass es jenseits der gelegentlichen Zufälligkeiten darum geht, im Fokus des Objektivs das Einmalige und Charakteristische der Person und des Moments zu bannen?

Das Einzigartige an diesen Arbeiten ist doch, dass die Mamarazza als Gast mit ihrer Kamera immer auch dort hin- und vor allem hineinkam, wo Paparazzi einfach draußen bleiben müssen. Und so sind die von ihr – übrigens ausschließlich analog – fotografierten Personen auch immer Freunde, die es zulassen, dass auch ein Stück Privatheit auf Film gebannt wird. So sind wunderbare, einprägsame Bilder entstanden, wie zum Beispiel jenes, auf dem der griechische Reeder Onassis zu finden ist: Im Morgenmantel unter einem kaputten Auto, das er zu reparieren versucht.

Hat die Fürstin somit quasi einen Grundstein für die heute nicht mehr wegzudenkende Celebrityund Jetset-Reportage gelegt? Viel besser, weil unerreichbar: Im Grunde reiht sich bei der Künstlerin zu jedem Bild auch seine Entstehungsgeschichte, deren Authentizität und Esprit alle ungewöhnliche Momente sowie die fokussierten Personen in ein Kaleidoskop des Lifestyles transferieren. Das ist ein Stil, der so unnachahmlich ist und wahrscheinlich bleiben wird. Denn wer ist denn heute in der Welt der Berühmten, Schönen und Reichen nicht nur allerorts bekannt, sondern auch noch beliebt? Und kann auch noch außergewöhnlich brillant, spannend und unterhaltsam fotografieren? Da fällt mir eigentlich nur Hubertus von Hohenlohe ein, aber der hat ja noch viel Zeit für sein Lebenswerk.

Wie kamen Sie auf die Idee der von Ihnen wesentlich mitinitiierten „Sayn-Wittgenstein-Collection“?

Wie so oft in meinem Leben entstand diese Inspiration aus einer Verkettung glücklicher Umstände. Durch einen Zufall zeigte mir die Fürstin bei einem ihrer legendären Feste das Foto-Archiv im Keller. Und dort lagen – zwar sauber archiviert, aber eben nur als Negative abgelegt und somit weder digitalisiert noch gesichert – mindestens hunderttausend Originale. Und wie einst eine ihrer besten Freundinnen, die berühmte Schauspielerin Lilli Palmer, ihr die Fotografie als Beruf nahelegte, hatten auch wir eine gute Idee und entwickelten an diesem Nachmittag das Konzept, eine eigenständige Sammlung zu kuratieren, die dann im Juli in unserer Galerie Artmosphere der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Der nächste Schritt zum Druckwerk mit renommierten Verlagen war dann ein kleiner, aber entscheidender für die Verbreitung eines – wenn auch kleinen – Teils ihres Schaffens.

Wie Sie wissen, sind wir auch immer auf der Suche nach Insider-Informationen zu einem Thema. Was sticht denn aus Ihrer Sicht aus dem Lebenswerk der Fürstin heraus?

Das kann man als Galerist nur sehr schwer beurteilen, vor allem weil die Vielfalt der Momente und damit der Werke so mannigfaltig und in ihrer jeweils andersartigen Prägnanz auf hohem Niveau so unterschiedlich ist. Aber zwei Sachen möchte ich schon erwähnen: Die Mamarazza war zum Beispiel auf allen Mille Miglias live dabei und hat dort unvergessliche Szenarien des von vielen als einzig wahres Motorenspektakel bezeichneten Kriteriums des Automobil-Rennsports eingefangen.

Und dann natürlich die wunderbaren Begegnungen mit Andy Warhol in dessen Factory in New York. Die dort entstandenen Fotografien spiegeln die damalige Avantgarde ebenso eindrucksvoll wider wie sie es immer verstanden hat, die High Society auf Hochzeiten, Geburtstagsfesten, Ausstellungseröffnungen, bei den Salzburger Festspiele, Konzerten, Galas und ihren wunderbaren Empfängen zu Hause auf die ihr eigene Art und Weise auf die Foto-Platte zu bannen. Es gibt wohl kaum ein gesellschaftlich relevantes Ereignis, das nicht Gegenstand ihrer Fotochroniken geworden ist.

Unter diesem Aspekt ist wohl auch die Schlagzeile dieser Geschichte zu verstehen?

Genau, denn die Arbeiten der Fürstin zeigen unter anderem, dass auch die Sean Connerys und Brigitte Bardots dieser Welt ihre ganz menschlichen Seiten haben.

Gibt es zum Abschluss noch ein Zitat, das sowohl Lebenswerk als auch Kreativschaffen der Foto-Fürstin perfekt umschreibt? Das gibt es sehr wohl. Es stammt von Gunter Sachs und ist im Vorwort des Ausstellungsbuches wie folgt festgeschrieben: „Um ihr Phänomen zu ergründen, brachte ich Professoren und Psychologen in ihr Schussfeld. Einer sagte: ‚She’s remarkable – but scientifically inexplicable!‘ “ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Herr Budja, vielen Dank für diese Einblicke in ein ganz besonderes Lebenswerk.