Die wahre Präsidentin

Während sich Österreich heuer zur Wahl des neuen Bundespräsidenten mühte, der verfassungsgemäß nicht länger als zwölf Jahre – also zwei Perioden – im Amt bleiben darf, steht Frau Dr. Helga Rabl-Stadler, die Präsidentin der Salzburger Festspiele, vor ihrer 22. Eröffnung des weltgrößten Kultur-Events. Unangefochten steuert sie dieses internationale Ereignis durch stürmische Zeiten und erreicht Jahr für Jahr Auslastungsquoten, die selbst Experten überraschen. So viel Souveränität und Leadership wünscht man sich heute für so manche Organisation in der Führungsebene. „stil&wert“ sprach mit Dr. Helga Rabl-Stadler über die Hintergründe dieses außerordentlichen Erfolgslaufs.

„stil&wert“: Auf welches Ereignis bei den Salzburger Festspielen freuen Sie sich dieses Jahr ganz besonders?

Dr. Helga Rabl-Stadler: Für den Erfolg der Festspiele ist immer die richtige Mischung wahnsinnig wichtig. Denn wir sind nicht, wie zum Beispiel Donaueschingen, nur auf zeitgenössische Kunst spezialisiert. Wir sind kein Theater, und wir sind kein reiner Opernbetrieb – wir sind das größte Drei-Sparten-Festival der Welt: Oper, Theater und Konzert. Das bedeutet, dass man sich nicht nur auf eine Nische fokussieren kann, sondern ein großes Spektrum bieten und trotzdem eine Linie haben muss.
Und da bin ich dieses Jahr besonders optimistisch, denn es ist ein so genanntes kleines Mozartjahr. Mozart wurde 1756 (vor 260 Jahren) geboren und starb 1791 (vor 225 Jahren), so dass wir aus diesen Anlässen seine drei schönsten Opern – also den Da-Ponte- Zyklus mit „Le nozze di Figaro“, „Don Giovanni“ und „Cosi fan tutte“ – auf dem Programm haben. Außerdem wollen wir ganz klar mit einer Welturaufführung zur Festspieleröffnung zeigen, dass wir kein Opernmuseum sind, sondern der zeitgenössischen Kunst eine internationale Plattform geben, die sie dringend braucht. Thomas Adès, einer der wichtigsten zeitgenössischen Komponisten und bereits als Benjamin Britten unserer Zeit gefeiert, hat für uns die Oper „Exterminating Angel“ geschrieben. Und weil einer unserer Gründer Richard Strauss war, werden wir heuer eine viel zu selten gespielte Oper von ihm bringen. „Die Liebe der Danae“, ein Werk, das eng mit der Geschichte der Salzburger Festspiele verbunden ist, mit dem besten Strauss- Ensemble, das man derzeit aufbieten kann: den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Franz Welser-Möst und Krassimira Stoyanova in der Titelrolle.

„stil&wert“: Was bringt das Schauspiel 2016?

Dr. Helga Rabl-Stadler: Was mich besonders freut, ist, dass das Schauspiel sehr gut vertreten ist. Und unser derzeitiger künstlerischer Leiter Sven-Eric Bechtolf, der unbestritten und erwiesenermaßen zu den besten deutschsprachigen Schauspielern unserer Zeit gehört, wird darüber hinaus eine Hauptrolle in Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ spielen.

„stil&wert“: Stichwort „Fußball-EM“: Bekommen Sie auch von vielen Seiten Ratschläge für die Zusammensetzung des Programms und die Ausrichtung Ihrer Taktik wie der Bundestrainer?

Dr. Helga Rabl-Stadler: Man muss in jedem Unternehmen – gleich ob Kulturbetrieb oder ein anderes Unternehmen – offen für Anregungen und Kritik sein, darf sich aber trotzdem nicht von seinem Weg abbringen lassen. Selbstverständlich gibt es Menschen, die sagen: „Warum müsst ihr so viel zeitgenössische Musik bringen?“ Und es gibt logischerweise Leute, die sagen: „Ich möchte mehr von diesem

Komponisten und mehr von jenem hören!“ Aber dann denkt man drüber nach, ob es Sinn macht oder nicht – und manchmal liegt man dann besser und manchmal schlechter. Das Wichtigste für die Festspiele ist, dass die Qualität stimmt. Genau das ist uns in den letzten Jahren offensichtlich recht gut gelungen. Denn in einer Zeit, in der es mehr Festspiele denn je gibt, konnten wir letztes Jahr das beste kaufmännische Ergebnis in der Geschichte der Festspiele erzielen.
„Grundsätzlich bin ich mit Giuseppe Verdi einer Meinung. Der hat im Kartenbüro der ‚Scala‘ einen Zettel mit den Worten ‚Der unbestechlichste Maßstab ist die Auslastung‘ aufgehängt.

„stil&wert“: Sie sind ja berühmt dafür, dass Sie Sponsoren dafür begeistern können, sich in Salzburg einzubringen. Ist das so, dass mit diesen Sponsorengeldern auch versucht wird, Einfluss auf die Art und Weise der Zusammenstellung der Festspiele auszuüben?

Dr. Helga Rabl-Stadler: Überhaupt nicht! Unsere Sponsoren sind in diesem Metier viel zu intelligent und zu erfahren, als dass sie in diese Falle gehen würden. Es stört mich deshalb besonders, dass vor allem im deutschsprachigen Raum immer die Grundunterstellung vorhanden ist: Der Sponsor nimmt zuerst Einfluss und dann gibt er das Geld. Es ist genau umgekehrt: Wir haben zuerst ein Projekt und suchen dann dafür einen Sponsor. Ich kenne keinen Vertreter der Sponsoren, der so dumm wäre, seine singende Enkelin bei uns hineinzureklamieren.

„stil&wert“: Was sagen Sie zu den immer weniger werdenden Subventionen des Staates? Vor allem wenn man sieht, was in Der „Jedermann“ – seit 1920 immer wieder neu interpretiert und jedes Mal faszinierend inszeniert. Präsidentin Helga Rabl-Stadler mit Intendant Sven-Eric Bechtolf. Wien für das Burgtheater und andere ausgegeben wird.

Dr. Helga Rabl-Stadler: Zunächst bin ich sehr dankbar, dass wir 2015 endlich eine Erhöhung der staatlichen Subventionen bekommen haben. Allerdings: Wir haben ein Budget von über 60 Millionen Euro, von denen nur 16 Millionen Euro staatliche Gelder sind. Die Salzburger Festspiele haben damit eine in Europa einzigartig hohe Eigenfinanzierungsquote von rund 75 Prozent. Zum Vergleich: Ein deutsches Opernhaus erreicht in der Regel eine Eigendeckung von höchsten 20 Prozent, die besten wie die Münchener Staatsoper nicht ganz 30 Prozent. Während also in Salzburg der Steuerzahler rund ein Viertel der Kosten des Kulturbetriebes zahlen muss, ist die Relation bei den deutschen Opernhäusern genau umgekehrt. Ein Großteil der Kosten muss dort durch Subventionen gedeckt werden.

Wir müssen allerdings aufpassen, dass unser eigentlich gutes europäisches System der staatlichen Unterstützung für den Kulturauftrag nicht ins Gegenteil umkippt und nur noch Sponsoren und Mäzene helfen. So wie es in früheren Jahren ein Fehler war, dass viele Kulturmanager ohne Rücksicht auf Verluste der Meinung waren: „Ich bekomme eh meine Subvention und muss mich nicht auch noch darum kümmern, zusätzlich noch einen Sponsor zu gewinnen.“ Das Verhältnis der Festspiele, 16 Millionen von der öffentlichen Hand und 9 Millionen von Sponsoren, ist verantwortbar. Übrigens habe ich auch dazu ein Credo: Es sollen auch immer die Kulturschaffenden wissen, dass es nicht so leicht ist, Geld aufzubringen.

„stil&wert“: Es ist vor allem dann ganz toll, wenn man die Umwegrentabilität der Festspiele miteinbezieht.

Dr. Helga Rabl-Stadler: Die Umwegrentabilität zeigt ganz deutlich, dass die Festspiele nicht nur künstlerisch, sondern auch ökonomisch der Motor einer ganzen Region sind. So zahlen allein die Festspiele mehr an Steuern und Abgaben als sie Unterstützung von der öffentlichen Hand bekommen. Darum wehre ich mich auch so, den Vorgang Subvention zu nennen. In Wirklichkeit ist das ein Überbrückungskredit, für den wir Wucherzinsen zahlen und den die öffentliche Hand noch im selben Jahr zurückbekommt.

„stil&wert“: Eine Frage zu Ihren Reisen rund um die Welt: Wir wissen, dass Sie gerade in New York präsentiert haben. Aber wo überall und wie oft machen Sie das noch?

Dr. Helga Rabl-Stadler: Wir präsentieren natürlich viel und hauptsächlich in Europa, weil das unser Haupteinzugsgebiet ist. Aber seit zwanzig Jahren stellen wir unser Programm auch in New York vor. Vor vier Jahren sind Peking und Shanghai dazugekommen, und ab heuer werden wir auch nach Seoul und Tokio gehen. Wir wollen nützen, dass Musik die einzige Sprache ohne Grenzen ist. Das Schöne an diesen Aktivitäten – übrigens auch ganz speziell in Südamerika – ist schlicht und ergreifend ein großes, positives Echo.

„stil&wert“: Sie haben implizit gesagt, dass Sie sich gerne inspirieren, aber nicht von Ihren Zielen abbringen lassen. Können Sie uns also ein bisschen in Ihre langfristige Zielsetzung Einblick geben, denn da geht es ja wohl auch um die Zukunft der Festspiele.

Dr. Helga Rabl-Stadler: Die Festspiele werden 2020 ihr 100-Jahr-Jubiläum begehen. Deshalb halte ich es für uns ganz wichtig, dass das keine Rück-, sondern eine Vorschau wird. Denn ich denke, dass wir uns schon heute viel weniger auf den Lorbeeren der Vergangenheit als früher ausruhen können. Erinnern Sie sich: Die Festspiele wurden als Friedensprojekt mitten im Ersten Weltkrieg erfunden und im Gegensatz zu Bayreuth, wo man quasi einem Komponisten und seinem Werk frönt, ganz anders erdacht. Natürlich könnten wir ein reines Mozartfestival sein. Wir definieren uns jedoch über den ganzen klassischen Besitz der Welt – und das bedeutet ganz einfach: Oper und Schauspiel – und von beidem das Beste. Qualität war ebenso wie das Friedenswerk ein Gründungsauftrag.
Das sind für mich zwei Tatsachen, die eine Messlatte legen. Immerhin werden die Festspiele ja von einem künstlerischen Vordenker und mir gemeinsam geführt. Eine Doppelspitze ist zwar manchmal mühsam, weil man um Entscheidungen ringen muss, aber die getroffenen Entscheidungen halten dann auch besser. Die letzten Jahre hatte ich ja das Glück, dass ich eigentlich immer mit Intendanten zu tun hatte, mit denen ich mich befreundet gefühlt habe. Derzeit mit Sven-Eric Bechtolf, aber natürlich gilt das erst recht für Markus Hinterhäuser, der ab 2017 unser Intendant sein wird.

Ich sehe mich in dieser Paarung immer als diejenige, die dafür sorgt, dass die künstlerischen Ideen möglichst umgesetzt werden können. Und das wiederum bedeutet, dass ich Geld von der öffentlichen Hand, von Sponsoren und Mäzenen bekomme, die auch immer die Akzeptanz dieser Ideen verstärken wollen. Denken Sie mal zurück: Unter dem von mir so verehrten Herbert von Karajan gab es doch das große Problem, dass die Salzburger Festspiele von der Bevölkerung zum Teil ablehnend als eine Wolke der Reichen und der Schönen gesehen wurden.

Ich spüre einfach, dass unser Hinausgehen in jeden Rotary-Club, in jede Schule, unser Bestreben, uns zu öffnen und zu präsentieren, große Feste zur Eröffnung zu feiern, die Installierung offener Generalproben und so weiter, dazu geführt haben, dass die Salzburger endlich stolz auf ihre Festspiele sind. Das war mir schon sehr wichtig – und so freut es mich auch, dass ich das erreicht habe.

„stil&wert“: Wir sehen das genauso: Das hat sich wirklich geändert. Glauben Sie, dass Markus Hinterhäuser, so wie wir ihn kennen, eher das Moderne in das Programm reinbringt?

Dr. Helga Rabl-Stadler: Das sicher. Nach dem Tod von Karajan 1989 wollten viele Salzburger quasi Karajan-Festspiele ohne Karajan. Das geht aber nicht! Dann kam Mortier. Und das war ja wohl doch ein echter „Bruch“! Deshalb glaube ich, dass jetzt auch mit Hinterhäuser ein wirklicher Neuanfang kommt. Ich wünsche ihm, dass es eine, seine Ära wird. Denn er wird sicher auf besondere Konstellationen Wert legen, was mir allerdings auch besonders gut gefällt. Zum Beispiel die Integration der bildenden Kunst – eigentlich eine alte Festspieltradition. Denken Sie an Kokoschka oder Hrdlicka – die haben früher bei den Festspielen Bühnenbilder gemacht. Hinterhäuser möchte das auch wieder – übergreifend in der Kunst agieren.

„stil&wert“: Mit dem West-Eastern Divan Orchestra haben die Festspiele einen ganz großen Erfolg gelandet, indem sie einen Weltkonflikt zum Thema gemacht und gezeigt haben, dass man mit gutem Willen und jungen, neuen Talenten künstlerisch und gesellschaftlich neue Lösungswege aufzeigen kann.
Jetzt haben wir noch viel mehr große Weltkonflikte – wird es irgendein weiteres Zeichen in dieser Richtung geben?
Das wäre doch schön, weil das Thema „Frieden“ eine tragende philosophische Säule der Festspiele ist.

Dr. Helga Rabl-Stadler: Wir präsentieren dieses Jahr eine sehr schöne Inszenierung der „West Side Story“, in der es darum geht, dass sich zwei Jugendbanden mit unterschiedlichen Nationalitäten bis aufs Blut bekämpfen. Es erfüllt mich jedes Mal mit Grauen, wenn Maria vor der Leiche von Tony mit der Pistole in der Hand schreit: „I can kill now, because I hate now.“ Genau dieses Gefühl des Hasses auf die anderen ist es, das den Kriegstreibern in aller Welt das Gewissen raubt und die Ermächtigung gibt, Menschenleben auszulöschen. Dieses ausgeweitete Gleichnis als künstlerische Metapher war uns in diesen Zeiten sehr wichtig.

„stil&wert“: Das kann man eigentlich auch nur mit Symbolik bewältigen, diesen dringend notwendigen Hoffnungsschimmer. Das finden wir ja so schön: Dass man die nicht verbohrten Menschen zusammensetzt und über die Kraft der Kultur – in diesem Fall der Musik – zusammenbringen will.

Dr. Helga Rabl-Stadler: Mein Lieblingsmaßstab für das Gelingen eines künstlerischen Abends ist der Satz des leider verstorbenen Nikolaus Harnoncourt: „Man muss aus einer Vorführung anders herauskommen als man hineingeht – dann waren die Künstler gut.“

„stil&wert“: Eine klassische „stil&wert“-Frage zum Schluss: Wie stehen Sie zum Thema „Dresscode“?

Dr. Helga Rabl-Stadler: Nun ja – ein Dresscode ist heute eigentlich nicht mehr durchzusetzen. Mir ist es aber schon ein bisschen unverständlich, dass die Menschen nicht für sich selbst ein Gesamtkunstwerk aus etwas Feierlichem machen wollen. Wenn ich so einen tollen Abend vor mir habe, dann möchte ich doch auch anders angezogen sein als zum Spazierengehen. Aber das ist ein Phänomen, das durch alle Gesellschaftsschichten geht. Es hat auf jeden Fall keinen finanziellen Grund, denn es gibt bereits um 30 Euro ein schwarzes Kleid.
Vielleicht aber noch ein paar Worte zur Inszenierung der Stadt – und so passt es auch sehr gut, wenn in der Publikation eines unserer besten Immobilien-Händler steht, dass in Salzburg die Stadt ein so wichtiger „Player“ ist. Denn ich bin der Meinung, dass die ungebrochene Attraktivität der Salzburger Festspiele im 96. Jahr auch viel mit der außergewöhnlichen Stadt-Landschaft und ihrer besonderen Umgebung zu tun hat. Nirgendwo sonst kann man Urlaub so mit Kunstgenuss verbinden, nirgendwo sonst ist man allein durch die Schönheit der Stadt schon in einer Ausnahmesituation. Wenn man auf das Festspielhaus zugeht und die Festung vor sich sieht, ein bisschen was von den Türmen – dann muss man sich doch denken: „Was bin ich für ein Kind des Glücks, dass ich hier leben und arbeiten darf!“

„stil&wert“: Herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Präsidentin. Alles Gute und viel Erfolg!