Das geheime Juwel Salzburgs

Man müsste schon alle (Vor-)städte der Welt kennen, um das Salzburger Nonntal zur schönsten zu küren – aber viele werden ihr diesen Rang wahrscheinlich nicht streitig machen können. Wer sich die Zeit nimmt, diesen Stadtteil abseits der Touristenströme zu entdecken, den belohnt sie mit gelebter Tradition und geschichtlichem Flair, pulsierender Urbanität und kreativer Vielfalt. Hier lässt es sich herrlich anders wohnen und vor allem leben, denn das Nonntal ist nicht nur Vorstadt, sondern auch ein eigenständiger urbaner Raum, ein kleines, geheimes Städtchen mit nahezu vollständiger Infrastruktur, eingerahmt von der weltbekannten Mozartstadt Salzburg.

Das wirklich einzigartige Nonntal gliedert sich in zwei sehr unterschiedliche Teile, die zusammen ein dennoch harmonisches Ganzes ergeben: in den historischen, inneren Teil mit einer atemberaubenden Geschichte von Glauben, Leben, Hochwasser-Katastrophen und starker Gemeinschaft sowie in einen heute ungleich größeren, äußeren Teil voller Innovation, Inspiration und kultureller Vielfalt. Zusammen ergibt das eine bezaubernde Symbiose aus nachbarschaftlich wertvollem Zusammenleben, visionärer Lebensfreude und modernem Selbstverständnis. Uneinig ist man sich lediglich in einer nebensächlichen Frage der Grammatik – aber egal, ob man ins Nonntal oder nach Nonntal fährt, egal ob man in Nonntal oder im Nonntal ist, Hauptsache, man ist dort.

Eine Frage der Kultur

Ein kurzer Blick zurück wirft ein ganz eigentümliches Licht auf einen Stadtteil, der von Kennern schon immer als etwas ganz Besonderes, von Neuankömmlingen als überraschend Begehrenswertes betrachtet wird. Denn nirgendwo sonst in der Mozartstadt prallen so erfrischende Erlebnisse, so ambitionierte Grundhaltungen und so zukunftsorientierter Gestaltungswille so amikal aufeinander wie in diesem Stadtteil des gepflegt gelebten Miteinanders. Oberhalb von Nonntal erhebt sich der Nonnberg mit dem Benediktinerinnenstift, das dem Stadtteil den Namen gab. Das Nonntal war schon in keltischer Zeit besiedelt, und ab dem Mittelalter wohnten hier vor allem Dienstleute des Frauenstiftes, zu denen sich im Zuge der Stadterweiterung bald auch viele Salzburger Bürger gesellten. Am Fuße des Nonnbergs präsentiert sich die von Architekt Giovanni Gaspare Zuccalli in den Jahren 1685 bis 1689 im Stil des italienischen Barock erbaute Erhardkirche mit ihrer beherrschenden Kuppel mit aufgesetzter Laterne, die von schlankeren Seitentürmen mit jeweils einem der Kuppel ähnelnden Helmaufsatz umrahmt wird.

Für Kunstbeflissene empfiehlt sich – von Süden ins Nonntal kommend – ein kurzer Abstecher auf den wunderbaren Krauthügel. Hier präsentieren sich rund um das fälschlicherweise so genannte „Henkerhäuschen“ jedes Jahr aufs Neue spektakuläre Installationen und Skulpturen, die, auf private Initiative für Kunst im öffentlichen Raum der Salzburg Foundation, mit ihrer pointierten Gegensätzlichkeit zur teilweise museal bewahrten Altstadt für interessante Diskurse sorgen.

Von dort bietet sich ein Spaziergang durch die Brunnhausgasse mit ihren Villen auf den Festungsberg links entlang der Nonnberggasse über das Kloster Nonnberg an. Einerseits sind die herrlichen Ausblicke ins Gebirge und auf die Altstadt ein geradezu fürsterzbischöflicher Lohn für den steilen, aber kurzen Anstieg. Andererseits geht es hier innerhalb weniger Minuten – vorbei an der prächtigen Festungsbahn – schnurstracks hinunter ins Herz der Altstadt oder steil bergauf zum Wahrzeichen der Stadt, der Festung Hohensalzburg.

Andere lassen den Nonnberg links liegen und wandern bis zum nahen Ende der Brunnhausgasse, um dann ebenfalls links in die Nonntaler Hauptstraße einzubiegen, die hier mehr einem Gässchen ähnelt und dennoch das eigentliche Herz des inneren Nonntals bildet.

Das etwas andere Salzburg

Dieses besitzt einen charismatischen, fast südländisch geprägten Charme und ist von einer Reihe gut erhaltener Bürgerhäuser im „Look“ des 17. Jahrhunderts und meist mit mittelalterlichem Kern geprägt. Gerade in jüngster Vergangenheit wurde hier durch subtile Planung und behutsame Gestaltung eine ganze Reihe wertvoller, neuer Wohnräume geschaffen. Gleichzeitig pflegte man auch höchste Sorgfalt für sinnvolle Werterhaltung architektonischer Substanz, um dieser parallel dazu mit zeitgenössischen Attributen und Gestaltungskonzepten Wohntauglichkeit für die Ansprüche des 21. Jahrhunderts einzuhauchen. In dieser äußerst begehrten Wohngegend begegnet man in direkter Nachbarschaft auch vielen feinen, gemütlichen und vor allem angesagten Lokalen, in denen sich – wie der Begriff schon andeutet – vor allem die Einheimischen so richtig heimisch fühlen. Die kulinarische Präferenz spielt dabei nur eine sekundäre Rolle, denn ob man nun typisch österreichische Wirtshauskultur genießen möchte oder der spontane Gustos nach italienischer, südamerikanischer, veganer, haubenwürdiger oder experimenteller Küche verlangt – mit wenigen Schritten hat man jederzeit das Lokal seiner Wahl zu Fuß erreicht.

Als um die Gastronomie besonders verdienstvolle Beispiele seien drei davon speziell erwähnt: Mit dem PARADOXON setzt der Spitzenkoch Stefan Brandner seine Reihe überraschender Pop-up- Restaurants erfolgreich fort. Das CULT CAFÉBISTRO im Künstlerhaus begeistert als charmantes Restaurant mit einem bunten Mix aus mediterraner und österreichischer Küche und inspirierendem Ambiente. Und im seit Jahren be- und geliebten PROSECCO von Heidi Kronberger mit seinem Münchner Chic und einem wunderschönen Innenhof mit Garten trifft man sich besonders gerne, um italienische Spezialitäten von der legendären Kreidetafel auszuwählen und zu bestellen.

Das Nonntal ist auch die erfrischende neue kulturelle Seite eines Salzburgs jenseits der Festspiele. Hier sind ganz wesentliche Institutionen der „zeitgenössisch- experimentellen“ Verpflichtung gegenüber Kunst, Theater, Musik und Tanz beheimatet. So ist das Schauspielhaus Salzburg mit zirka 70 Mitarbeitern, nahezu 60.000 Besucherinnen und Besuchern jährlich und bis zu 14 Eigenproduktionen das größte freie Theater Österreichs. Der Spielplan des Salzburger Theaters spannt einen Bogen von der Antike über die Klassik bis zur Gegenwart. Einen speziellen Fokus bilden dabei Ur- und Erstaufführungen, Schreibaufträge und Stückentwicklungen. Das Theater befindet sich im Petersbrunnhof, einem ehemaligen Gutshof des Stiftes St. Peter. Dieses historische Gebäude, dessen Ursprünge bis ins Mittelalter zurückreichen, wurde 1997 dankenswerterweise durch das Land Salzburg großzügig renoviert und mit modernster Theatertechnik ausgestattet.

Die ARGEkultur neben dem Unipark hingegen führt als größtes unabhängiges Kulturzentrum Westösterreichs zeitgenössische Kunst und Kultur in einzigartiger Weise zusammen. Es unterstreicht aus architektonischer Sicht das engagierte Konzept der angestrebten Modernisierung der Salzburger Stadtplanung im Nonntal 2.0. Es ist dabei gelungen, ein Haus zu schaffen, das zur Produktion von und zur Auseinandersetzung mit sich ständig ändernden kulturellenInhalten anregt. In bewusst offener Struktur entstand hier die ARGEkultur als Plattform für (junge) Kultur schlechthin.

Als Kommunikations- und Produktionsstätte hat sich die ARGEkultur erfolgreich als Treffpunkt und Arbeitsplatz für aktuelles kulturelles Schaffen in Salzburg positioniert. Das vor allem bei Schülern, Lehrenden und Studierenden aus den zahlreichen Schulen in der Nähe sowie Juristen beliebte ARGEBeisl rundet mit seinem kulinarischen Angebot und einer der wohl sonnigsten Terrassen der Mozartstadt diesen äußerst angesagten Treffpunkt perfekt ab. Abgerundet wird der kulturelle Aspekt durch die direkte Nachbarschaft der Berchtoldvilla, dem Sitz der Berufsvereinigung der bildenden Künstler in Salzburg. Sie ist ein inspirierender Ausstellungsraum für jegliche Bereiche bildender Gegenwartskunst und Veranstaltungsort für interdisziplinäre, künstlerisch- kulturelle In- und Outdoor- Projekte.

Wissen macht Spaß

Salzburg ist aber auch eine Universitätsstadt mit fast vierhundertjähriger Geschichte. Fürsterzbischof Paris Lodron, der Namenspatron der Universität, gründete diese im Jahr 1622. Heute besteht sie aus vier Fakultäten, gilt als ein Zentrum für innovative Forschung und ist nachhaltig in das kulturelle sowie wirtschaftliche Leben Salzburgs integriert. Und mit ihrer nationalen wie internationalen Vernetzung ist sie eine moderne Wissensdrehscheibe im Herzen Europas.

Der neueste i-Punkt in der Geschichte des Institutes ist sicher der 2011 erbaute „Unipark“ im Nonntal für 5.500 Studierende und 300 wissenschaftliche Mitarbeiter – damit hat die Universität Salzburg für Kultur- und Gesellschaftswissenschaften architektonisch international Maßstäbe gesetzt. Von Frühjahr bis in den bunten Herbst gelten die großzügig gestalteten Vorplätze des Instituts darüber hinaus als Objekt der Begierde für Freiluftvorlesungen, Skateboarder und Freerider sowie Sonnenhungrige mit Lust auf jugendliches Ambiente. An dieser Stelle ein kleiner, aber feiner Tipp: Besonders attraktiv ist die Uni-Dachterrasse mit Cafeteria und herrlichem Rundblick auf die Festung, das Benediktiner-Frauenstift und das unvergleichliche Bergpanorama im Süden.

Das Tor zur Stadt

Flaniert man dann noch in Richtung Schanzlgasse und Nonnbergstiege, erreicht man den Kajetanerplatz, von dem sogar viele Einheimische gar nicht wissen, dass er noch zum Nonntal gehört. Er liegt nämlich direkt am Rande des Kaiviertels am südöstlichen Ende der Salzburger Altstadt und ist somit praktisch die schönste Eingangspforte in die Mozartstadt. Im Eckhaus zur Schanzlgasse wohnte übrigens von Oktober 1797 bis Ende April 1798 Alexander von Humboldt, der ja den bis heute umstrittenen Satz „Die Gegenden von Salzburg, Neapel und Konstantinopel halte ich für die schönsten der Erde“ schrieb. Umstritten deshalb, da er tatsächlich nie in Konstantinopel gewesen war.

Das Nonntal ist heute noch, was es lange war – das südliche Tor zur Salzburger Altstadt, der gelungene und stimmige Übergang vom teils (vor-)städtischen, teils ländlichen Süden in die eigentliche Stadt. Die Tatsache, dass viele Touristen es auch nur aus diesem Blickwinkel sehen und vom Nonntal nur den schnellen Weg vom Busterminal über die Kaigasse in die Altstadt kennen lernen, ist zwar für sie bedauerlich, garantiert aber dem Nonntal auch in Zukunft seine Beschaulichkeit und sein erfreulich eigenwilliges Eigenleben.