Barock ’n’ Roll für alle

Das ist fast schon die Quadratur des Kreises, wenn manchmal Kunstgeschichte ganz einfach ist: Man muss nur ein paar Jahrhunderte warten, und schon entsteht sowohl aus musealer als auch aus politisch relevanter Sicht etwas ganz Besonderes. Bestes Beispiel dafür ist das DomQuartier zu Salzburg, das heuer seinen ersten Geburtstag feiert – aber eigentlich schon so gut wie fast 1.300 Jahre alt ist.

Das DomQuartier rückt das Barock, also die Epoche, die Salzburg am stärksten prägte, in den perfekt inszenierten Mittelpunkt. Im Mai 2014 eröffnet, hat sich dieses wohl einmalige Kulturprojekt inmitten der Stadt zu einem international mit Sicherheit unvergleichlichen Schatzkästchen architektonischer und inhaltlich bedeutender Aussagekraft entwickelt. Hier stößt man auf ebenso geschichtsträchtige wie in dieser Art einmalige Raritäten aus der Historie Salzburgs. Selbstverständlich erzählen nicht nur die vielen Exponate, sondern auch die architektonischen Feinheiten viele Mythen, Anekdoten und Geheimnisse, die garantiert mehrere Wälzer füllen könnten. Aus genau diesem Grund hat sich stil&wert entschlossen, das Augenmerk auf drei ganz besondere geschichtliche Leckerbissen zu richten.

Wirklich unschätzbare Werte

Das DomQuartier Salzburg stellt die einstige, vor zweihundert Jahren verloren gegangene bauliche und funktionelle Einheit von Dom und Residenz wieder her. In diesem Sinne wurde das ehemalige Zentrum der fürsterzbischöflichen Macht für die Öffentlichkeit erlebbar gemacht. Im Mittelpunkt stehen die Alte Residenz, der Dom und die Benediktiner-Erzabtei St. Peter. Und so werden auf 15.000 Quadratmetern über zweitausend geschichtsträchtige Exponate präsentiert, die in mehr als 1.300 bewegte Jahre Einblicke gewähren. So weit, so gut. Es sind allerdings die kleinen Besonderheiten, die aus Geschichte Geschichten machen. Zum Beispiel diese.

Wunderwerke aus Wachs

Eine in dieser Dichte weltweit einzigartige Sammlung spiritueller Kreativinterpretationen stellt die wertvolle Wachsbild- Sammlung des Museums St. Peter dar. Sie wurde Anfang des 19. Jahrhunderts vom kunstsinnigen Abt Dominikus Hagenauer erworben, der das unglaubliche Talent © Salzburger Burgen & Schlösser, Foto: Helge Kirchberger und die Aussagekraft der Tittmoninger und diese als repräsentative Ausstattung der Wohnräume des Klosters zu würdigen wusste. Die Bilder sind um 1730 entstanden und bestehen allesamt aus reinem, mit Bleiweiß und Ruß eingefärbtem Bienenwachs. Die Werke zeigen sowohl religiöse als auch weltliche Szenen und bestechen Auge und Herz durch ein Höchstmaß an Feingefühl im künstlerischen Ausdruck, den ihnen die ganz besondere Technik verleiht. Den Hintergrund bildet dabei eine Glasplatte, die mit schwarz eingefärbtem Wachs grundiert wurde. Zum Vordergrund hin erhebt sich dann ein kulissenartiger Aufbau mit vollplastischen Figuren, wobei für die Dauerhaftigkeit des Werks und die kreative Interpretation Naturmaterialien wie Schweineborsten, Äste und Seidenfäden – ästhetisch konsequent mit Wachs überzogen – mit verwendet wurden. Am Ende wurde die Arbeit verschlossen. Im wahrsten Sinne des Wortes abgerundet wird die fulminant interessante Präsentation der Kunststücke durch die zeitgenössische Interpretation der DomQuartier-Wendelgänge in Form einer, vom Salzburger Architekten Thomas Wizany gestalteten, begehbaren Vitrinen-Konstruktion, die in seiner Reduktion den klassischen Exponaten den nötigen Respekt zollt.

Eine lange Geschichte

Eine besonders spannende und aus kirchenpolitischer Sicht durchaus humorvolle Episode erzählt die ehemalige Gemäldegalerie der Fürsterzbischöfe, die Insidern eigentlich als „Lange Galerie“ der Erzabtei St. Peter bekannt ist. Auf einer durchgehenden Wand von 70 Metern werden Kunstwerke gezeigt, die für die Abtei entstanden sind und auch der religiösen Andacht dienen: etwa Paul Trogers „Christus am Ölberg“, die zugehörige „Mater Dolorosa“ oder das Hochaltarbild der heiligen Margarethe von Pietro Antonio Lorenzoni.

Aber zurück zur Geschichte: Wenn man seinerzeit vom Carabinierisaal hinausblickte, sah man das Kloster St. Peter, das durch eine hohe Wand zum Domplatz hin abgegrenzt war. Fürsterzbischof Guidobald Graf von Thun plante 1656 dort ein entsprechendes Gegenüber, also ein Gebäude, das die gleiche Fassade haben sollte wie die Residenz. Er wollte in der Beletage seine Kunstsammlung unterbringen und dem Domplatz ein geschlossenes Gepräge geben. So nicht, meinten die Benediktiner. St. Peter protestierte also gegen diesen Bau, bei dem auch Fenster zum Kloster hin geplant waren.

Mit großer Sorge beobachtete der Abt von St. Peter den tiefen Aushub für die Fundamente – denn ein hohes Gebäude würde sowohl Luft als auch Licht wegnehmen und die Lebensqualität verringern. Das Schlimmste war jedoch, dass der Erzbischof einen Latrinenturm direkt vor dem Refektorium geplant hatte. Der Abt entwickelte deshalb eine Idee, wie er den Unglücksbau verhindern könnte. Er schlug vor, dass sein Kloster auf eigene Kosten weiterbauen würde, so wie es der Erzbischof wünschte, aber ohne Fenster zum Kloster hin. Der Fürsterzbischof willigte in diesen hintersinnigen Plan ein. Das fertige Gebäude wurde aufgeteilt: St. Peter bekam das erste Geschoss und den Dachboden, der Erzbischof das zweite Geschoss und den ebenerdigen Teil mit den Kellern. Eine Konsequenz der Querelen und das Fazit der Geschichte: St. Peter verlor das Präzedenzrecht, also das Recht, bei Prozessionen voranzugehen, um das es mit dem Domkapitel seit ewigen Zeiten gestritten hatte.

Jedermann steht auf Haute Couture

Edles Tuch und feinster Zwirn, perfekt veredelt in wohlgeschneidertem Designerkonzept sowie gepaart mit edlem Schuhwerk – da lacht das Herz der Frau von Welt. Schade nur, dass „Die Kleider der Buhlschaft“ in der bis November 2015 dauernden Sonder-Ausstellung des DomQuartiers ausschließlich zum Bewundern und Bestaunen da sind. Wie eben auch Jedermann weiß, verkörpert die Buhlschaft das blühende Leben, ist personifizierte Verführung und lebenslustiger Gegenpart zum sterbenden Mann auf dem Domplatz. Deshalb erregt kein Kostüm der Salzburger Festspiele jedes Jahr vor der Festspielzeit mehr öffentliche Neugierde, Rätselraten und Aufmerksamkeit als ihr Kleid.

In der einzigartigen Präsentation im Nordoratorium des DomQuartiers sind acht historische Kleider der Buhlschaft sowie Schuhe und Accessoires aus Inszenierungen der Salzburger Festspiele von 1990 bis 2014, aber auch das morbide Kostüm des bisher einzigen weiblichen Todes zu sehen. Als inhaltliche Ergänzung dienen Entwurfsskizzen und Notizen aus dem Archiv des Festivals. Dabei bedient sich das Ausstellungskonzept der Ästhetik der prunkvollen Räume, es betont das Spannungsfeld von Objekt und Raum im Kontext zur Wirkung der Betrachtungsweise. Und mit ein wenig stilbewusstem Selbstverständnis und der Interpretationsmöglichkeit des Wissens um Dramaturgie versteht man in dieser Konzept-Show in ehrwürdigem Rahmen sehr schnell: Die Kostüme sind ein wunderbarer Spiegel der sich ständig verändernden Moden, Sichtweisen und Moralvorstellungen.