Architektur ist der Anfang von allem

Architekten sind die Designer unserer Lebensräume. stil&wert unterhielt sich mit Gerhard Wittfeld, der mit seinen außergewöhnlichen Bauten das Salzburger Stadtbild prägt.

Architektur ist Teil einer vielschichtigen Wertedebatte, die um emotionale Themen wie Heimat, Schönheit und Identität kreist, ihr Gewicht aber zunehmend auch als Wirtschafts- und Standortfaktor unter Beweis stellt. Für Salzburg stellen sich anhand vieler Diskussionen rund um die Dissonanz von Vision, Modernität und Weltkulturerbe viele Fragen zu ihrer Berechtigung und der daraus folgenden Präsenz: Gibt es richtungsweisende Architektur in Salzburg? Wenn ja, wo? Wer oder was fördert sie? Und in welchem Umfeld gedeiht sie?

stil&wert nutzte die Gelegenheit, den international renommierten, vielfach ausgezeichneten und auch in Salzburg sehr erfolgreich arbeitenden Architekten DI Gerhard Wittfeld vom Büro kadawittfeldarchitektur nach dem Wesen unserer gebauten Umwelt zu befragen: nach der Funktion von Architektur und der Stadt als Projektionsfläche gesellschaftlicher Realitäten und Wertvorstellungen.

stil&wert: Herr Wittfeld, schön, dass wir uns wieder einmal über Salzburg unterhalten können! Wie kam es eigentlich zu Ihrer Beziehung zur Mozartstadt?

Gerhard Wittfeld: Es begann eigentlich mit einem Architekturwettbewerb vor 15 Jahren. Da haben wir um das Projekt von Lagermax gekämpft und dann auch die Ausschreibung gewonnen. Ja, das war der Beginn. Und das Gebäude ist wirklich recht schön geworden. Ich habe die gesamte Planung und auch die künstlerische Bauleitung übernommen. Da gab es noch keine Flüge von meiner Heimatstadt Aachen nach Salzburg – da habe ich eigentlich nur mehr im Zug gelebt, aber es hat Spaß gemacht und dann sind weitere Projekte in der Stadt über Wettbewerbserfolge dazugekommen. Anscheinend war man recht zufrieden – und das trotz meines Daseins als Piefke!

Das ist schon erstaunlich, diese Offenheit in einer Stadt wie Salzburg ist nicht selbstverständlich, oder?

Nein, ganz sicher nicht! Aber es hat mich unglaublich gefreut, wie schnell ich hier zu Kontakten kam. Vielleicht ist mir dabei zu Gute gekommen, dass ich vorher schon in Graz gearbeitet hatte und daher ein wenig von der österreichischen Seele kennenlernen konnte. Und dann ist es einfach gut gelaufen: Man hat uns hier in der Stadt so viel Wertschätzung entgegengebracht, weil den Leuten hier Architektur einfach viel wert ist – das ist wunderschön zu erleben. Ansonsten waren die Kontakte nach Salzburg anfangs eher beruflicher Natur – ganz im Gegensatz zu heute, wo ich durch Festspiele, Urlaube und Kurzbesuche neben den Arbeitsterminen eigentlich sehr innig mit Salzburg verbunden bin.

Gehen wir mal auf einige Projekte von Ihnen in Salzburg ein: Die Zentrale von Pappas ist ein deutliches Zeichen Ihrer Arbeit. Sind Sie heute noch zufrieden damit?

Also ich glaube, Pappas ist eines meiner Lieblingsprojekte. Es war damals, als wir es bauten, ja deutlich seiner Zeit voraus. Da braucht es auch Auftraggeber, die sich was trauen und ihrem Architekten etwas zutrauen! Wir waren diametral zu den Anforderungen im Wettbewerb, für jede Marke des Hauses eigene Welten zu bauen, und das haben wir auch klar gesagt! Unsere Meinung war: ein Haus, ein Dach, ein Pappas! Das war damals ziemlich pur – aber es hat sich ausgezahlt. Ich glaube, es ist noch heute eines der schönsten Autohäuser Europas.

Und es prägt die Stadt – immerhin verschwindet der Flughafen fast vollständig dahinter.

Schöne Marken und schöne Autos brauchen schöne Architektur. Da stehe ich voll dahinter. Ich liebe die Ästhetik schöner Autos, und ich liebe unsere heutige Mobilität! Das ist ein Riesenthema bei uns. Und ja, ich bin schon stolz darauf. Ich traue mich auch zu wetten, dass das Pappas-Gebäude auch in 30 Jahren noch modern sein wird.

Stichwort Mobilität: der neue Salzburger Bahnhof. Er bekommt ja eine Auszeichnung nach der anderen.

Ja, der Salzburger Bahnhof – schon wieder das Thema Mobilität und Architektur! Wir haben den Staatspreis Design erhalten und jetzt noch den Europäischen Stahlbaupreis. Das ist schon erfreulich. Wir bauen da gemeinsam mit der ÖBB sowie besonderen Ingenieuren und der Stadt Salzburg. Was da entstanden ist, ist wirklich etwas Besonderes.

Normalerweise kommt der öffentliche Bau in Salzburg nicht so gut weg!

Aber die Presse ist unglaublich positiv und das freut mich irrsinnig. Die Preise sind da nur das Tüpfelchen auf dem i! Letztendlich entsteht hier ein Zentrum der städtischen Mobilität, auf das alle stolz sein können, und das Zeichen für die Zeit setzt – das ist eine Erfüllung für mich! Unlängst hat mich ein Journalist angerufen und mir gesagt, er hat das Gefühl, dass hier ein neues Wohnzimmer für die Salzburger entstanden ist.

Könnten Sie bei so viel Applaus nicht Lust auf ein Projekt in der Salzburger Altstadt bekommen?

Ja, natürlich, das wäre was Besonderes! Wir bauen ja gerade in Augsburg im Zentrum, in Aachen direkt am Weltkulturerbe und jetzt gerade in Köln nur 100 Meter neben dem Dom sowie in Bremen in der Altstadt direkt neben dem Rathaus! Also, das wäre eine Sache, die würde mich natürlich sehr freuen, wenn wir die Gelegenheit bekommen würden, das auch in Salzburg zu beweisen!

Was treibt Sie als Architekt heute bei Ihren Projekten?

Dem Ort seine Architektur zu geben. Die beste Lösung für einen spezifischen Ort und für einen Bauherrn, genau das ist es, was eine Immobilie so besonders machen kann. Deswegen bauen wir keine einfachen Schachteln. Weil wir einfach glauben, dass sich das Gebäude auf das Grundstück projizieren lassen muss und genau dadurch zu Eleganz kommen kann. Diese Eleganz ist es, die unseren Gebäuden eine gewisse Leichtigkeit gibt – und das ist das Besondere an unseren Bauten.

Das aktuelle Thema Nachhaltigkeit?

Das ist nicht aktuell, das ist nachhaltig bedeutend: Der ökologische Fußabdruck eines Gebäudes ist ein Riesenthema für uns: Fotovoltaik, Grauwassernutzung und so zu bauen, dass die Umwelt möglichst wenig belastet wird – auch das treibt uns natürlich. Gerade haben wir ein Bürogebäude mit 250 Arbeitsplätzen in Deutschland fertiggestellt, dessen Energieverbrauch in der Höhe von gerademal 5 Einfamilienhäusern liegt. Und jetzt legen wir noch eins drauf: Ein Gebäude für 200 Arbeitsplätze, das sogar mehr Energie produziert als es verbraucht. In diesem Bereich liegt so viel Innovation für uns Architekten, das reicht für Jahrzehnte!

Wir kommen zum Schluss: Wird einem die Profession Architekt in die Wiege gelegt?

Na ja, ein wenig schon. Ich komme aus einer Handwerkerfamilie, und das Thema Bauen war stets vorhanden: Mein Großvater war Polier, mein Vater und mein Bruder führen ein mittelständisches Bauunternehmen. Das heißt, mit dem Thema Bauen bin ich aufgewachsen. Und als ich 7 war und zur Grundschule ging, haben wir selber gebaut und alles auch selbst gemacht, alles. Da ist es dann zum ersten Mal bei mir aufgekommen – das hat mich sehr fasziniert. Derjenige, der den Plan macht und der bestimmt, was draus wird – der ist der Dirigent des Orchesters. Das hat mich sehr geprägt, und damit war meine Entwicklung eigentlich eine ganz logische.

stil&wert bedankt sich für das Gespräch und wünscht auch weiterhin viel Erfolg.