Zwischen Haute Couture und Tradition

Salzburger Trachten-Designerinnen über Stil, Handwerk und den richtigen Stoff

Kleider machen Leute, sagt der Volksmund. Und bezieht er sich dabei auf Dirndlgwand und Lederhose, meint er weit mehr als „nur“ das Erscheinungsbild. Wer Tracht trägt, bekennt sich – zumindest ein Stück weit – immer auch zu seiner Heimat. Und zu dem Lebensgefühl, das diese Heimat verkörpert. In Salzburg verbindet sich das Traditionelle mit dem Jetzt. Einfachheit mit Luxus. Urbaner Lifestyle mit Pirsch und Brauchtumsfest.

Einige Trachten-Schneidereien von Weltformat sind vielleicht genau deshalb in Salzburg zu Hause. Was sie verbindet, ist ihr ungebrochener Anspruch an Qualität und die Liebe zum Detail. Dennoch haben alle ihren unverkennbaren Stil. „stil&wert“ hat drei Salzburger Trachten-Designerinnen und eine Geschäftsführerin besucht und einen Blick hinter die Kulissen geworfen.

Handwerk mit Geschichte

Dem Gwand eine Seele geben

Die erste Designerin im Porträt heißt Maria Oberfrank und ist die Frau hinter den Frauen-Kollektionen von Gössl. Wenn man sie fragt, worin der Reiz für eine Designerin liegt, Trachtenmode zu entwerfen, kommt die Antwort prompt: „Ich mag die vielen kleinen Geschichten, die eine Tracht durch ihre Farben, Formen und Muster erzählt. Warum ist ein Ausseer Dirndl grün, rosa, lila? Wieso ist eine 7-nahtige Lederhose so wertvoll? Trachten-Stickereien haben immer auch eine Bedeutung und lassen Raum für Interpretation und Auslegung. Das ist es, was mich so fasziniert und mich in meiner Arbeit antreibt. Manche kennen diese Geschichten gar nicht.“

„Ich bin ein haptischer Mensch und lege großen Wert darauf, wie sich meine Entwürfe anfühlen – da spielt die Auswahl der Stoffe eine herausragende Rolle. Andererseits begeistern mich traditionelle Handwerkstechniken. Ich glaube, dass man daraus heute noch viel lernen kann. Die Idee, sie mit neuen Technologien zu verknüpfen, fasziniert mich.“
– Ute Ploier, Herren-Designerin von Gössl

Stich für Stich zum Besonderen

Mit Ausnahme der Haute Couture gibt es heutzutage kaum mehr Modeproduzenten, die so viel Wert auf Handarbeit legen wie Trachtenhersteller mit Qualitätsanspruch. Und wenn Maria Oberfrank erzählt, dass sie – wenn’s irgendwie geht – mit der Hand schneidern lässt und ein Faible für kleine Werkstätten hat, fallen Berufsbezeichnungen aus einer Zeit, die im Grunde längst der Vergangenheit gehört: Handwerke wie Seidenfransenknüpfen, Zinnnietengießen oder Handdrucken klingen heute so exotisch wie es der Begriff der Modekette anno dazumal gewesen wäre. Dass es sie immer noch gibt, haben sie nicht zuletzt dem Engagement von Unternehmen wie Gössl zu verdanken. Für ein Zinnnietenmieder zum Beispiel beauftragte Oberfrank einen Handwerker in Kramsach in Tirol. Er gehört zu den letzten weltweit, die diese Vorform der Federkielstickerei noch beherrschen. Beste Stoffe für erlesene Modelle Neben der Beschäftigung mit Geschichte und Handwerk gehört die Stoff-Recherche zu den wichtigsten Aufgaben einer Trachten-Designerin. Und natürlich holt sich Maria Oberfrank ihre Inspiration auch auf wichtigen Messen wie der Fabric Start in München oder der Première Vision in Paris und bei Valentino, einem ihrer größten Vorbilder. Reichste Quelle sind ihr aber bis heute die Brauchtumsfeste ihrer Heimat, wo bodenständige Tracht getragen wird. Auch Flohmärkte und Dachböden durchstöbert sie regelmäßig nach wertvollen Stoffen. Durch einen glücklichen Zufall ist sie so vor Kurzem auf ein über 100 Jahre altes und überaus kostbares Bauernleinen gestoßen. Für Gössl kreierte Maria Oberfrank daraus ein festliches Dirndl mit Seidenrock, das Leinenmieder veredelte sie mit kostbaren Kreuzstich-Stickereien aus Siebenbürgen – und so wurde aus einem verstaubten Stoff ein exklusives Gössl-Gwand. Eine weitere „Neuinterpretation“ von Gössl ist die „Lederhose“ aus Hanf. Sie ist ähnlich robust wie eine herkömmliche Lederhose, aber leichter und luftiger. Als Sommerhose und zum Wandern eignet sich die sogenannte „Hanflederne“ deshalb perfekt.

Aus alt mach neu

Die Vision, die sich hinter dem Tun von Gössl verbirgt, lässt sich am Beispiel Bauernleinen-Dirndl bereits erahnen. „Die jahrzehntelang erprobten Formen der Tracht, die kunstvollen Handstickereien und die Stoff- und Farbensprache, diese Liebe und Sorgfalt sollen unbedingt weiterleben. Wenn die Dinge aber immer gleich bleiben und sich nicht verändern, sterben sie irgendwann und verstauben im Museum. Das darf nicht passieren. Auch die Tracht muss sich weiterentwickeln und offen sein für Neues, damit junge Menschen sich dafür begeistern.“

Noblesse oblige

Cat, Cats, Aristocats Sie heißt Prinzessin Isabella von Smaragdenburg und ist – eine Katze. Eine weiße Britisch Kurzhaar in feinster Gesellschaftskleidung und mit Habsburg-Kropfband wohlgemerkt. Nimmt man den Kollektionskatalog der letzten Saison in die Hand, zeigt sich ein Kater namens Eduard der Fünfte von Paulinenwald in Jackett, Gilet und Hirschpaisley-Schal im Profil. Dass man im Hause Habsburg etwas von Marketing versteht, sieht nicht nur der aufmerksame Beobachter auf den ersten Blick. Davor war es jahrelang Adel aus ganz Europa, der für die extravaganten Kampagnen der Kleidermanufaktur von keiner Geringeren als Elfie Semotan abgelichtet wurde. „Wir wollen ein bisschen Sahnehäubchen sein“, kommentiert Geschäftsführerin Katharina Schneider. Sie hat in Wien und Buenos Aires Internationale Betriebswirtschaft studiert, ist weltoffen und vielgereist – aber dennoch mit ihrer Heimat Salzburg tief verwurzelt. Bei Habsburg ist sie vor rund vier Jahren anstelle ihres Vaters Alfons Schneider in die Geschäftsführung eingestiegen, der weiterhin Geschäftsführer der Schneider Holding ist. Die Kleidermanufaktur ist vor knapp 25 Jahren entstanden: „Ein Hutmacher aus Werfen, der lange Jahre k. u. k. Kammerlieferant war, fragte uns, ob wir nicht die passende Kleidung dazu machen könnten. Wir konnten und wollten.“

Anspruchsvolle „Ansitzkleidung“ Neben Chefdesignerin Gabriella Corsaro, die für den springenden Habsburg- Hirsch verantwortlich zeichnet, gehört auch Katharina Schneider zum vierköpfigen Kreativteam, das jährlich zwei Kollektionen exklusiver Jagd- und Gesellschaftskleidung entwirft und sich dabei immer wieder gleichermaßen Witziges wie Ausgefallenes einfallen lässt – von der Loden-Stiefelhose mit einknöpfbarem Hamsterfell am Rücken, das bei einer ausgedehnten Pirsch warm und vor allem trocken hält, bis hin zur langen Unterwäsche aus Hirschleder. „Mittlerweile sind auch meine Schwestern und ich auf die Pirsch gekommen und haben den Jagdschein gemacht“, sagt Katharina Schneider mit einem Augenzwinkern. „Wir wissen also um den Komfort unserer Kleidung und können beweisen, dass Chic und Praxistauglichkeit kein Widerspruch sein müssen.“ Der Großteil des Sortiments setzt sich trotz familiärem Jagd-Faible aus Trachten und Gesellschaftskleidung zusammen. Der höfische Kleidungsstil – das „imperiale Erbe“ – aus 600 Jahren Habsburg- Monarchie, überliefert in alten k. u. k. Archiven, wird dabei ganz bewusst „gehegt und gepflegt“. Und auch hier gilt ein Anspruch ganz im Sinne der Manufakturidee: Hochwertige Stoffe und Materialien wie Loden aus Tirol, Kaschmir aus der Mongolei, Handwebeleinen aus Italien, Lammfell aus Irland, Seide aus Indien oder Ziegenvelours aus der Türkei werden durch kunstfertige Verarbeitungstechniken zu exklusiver Kleidung. Mit der Marke Habsburg hat sie noch so einiges vor, sagt Katharina Schneider, auch über den Bekleidungssektor hinaus. Vorerst aber soll sich Habsburg über die Grenzen des heimischen Markts hinweg auch international weiter etablieren.

The Austrian Look

„Theresa Lanz wurde in das Dirndl hineingeboren. Sie hat es sozusagen in ihrer DNA. Vielleicht sitzen Lanz-Dirndln genau deshalb immer so perfekt. Schon meine Urgroßmutter trug Dirndln von Lanz. Ich selbst habe noch alte und auch neue – und auch bei mir sitzen sie wie angegossen.“ – Heideswinth Kurz

Isn’t it lanzy

Kaschmir aus der Mongolei sucht man bei Theresa Lanz ebenso vergeblich wie die Lederhose aus Hanf oder Handwebeleinen aus Italien. Die Chefdesignerin der Traditionsschneiderei Lanz Trachten, die 1922 etwa zur selben Zeit wie die Salzburger Festspiele gegründet wurde, bekennt sich voll und ganz zur Region, legt Wert auf Ursprünglichkeit, Originalität und Qualität. „Ein Lanz-Dirndl soll zum einen ein Leben lang halten, zum anderen aber auch ein Leben lang gefallen“, so die Dirndl-Liebhaberin über den eigentlichen Wert von Nachhaltigkeit. Und tatsächlich: Wer sich in den Lanz-Geschäften in Salzburg, Wien und St. Gilgen umschaut, entdeckt wenig Ausgefallenes. Die Dirndlkleider sind schlicht und natürlich, kommen ganz ohne aufwendige Stickereien aus und viele davon sind aus Baumwolle oder Leinen. „Gerade deshalb sind sie auch so alltagstauglich“, so Lanz. „Die meisten meiner Kleider dürfen in die Waschmaschine, und das ist auch gut so.“

Stoffe aus Österreich

Da Theresa Lanz davon überzeugt ist, dass sie die Qualität von Trachten Lanz nur nachhaltig und auf höchstem Niveau halten kann, wenn sie nichts auslagert, bezieht sie ihre Naturstoffe konsequent aus heimischer Produktion. Auch bedruckt werden die Stoffe exklusiv in Österreich, genau genommen von einer Handdruckerin in der Steiermark. Erweitert wird die Lanz-Stoff-Palette dabei jedes Jahr um bescheidene zwei Drucke, die mit umso mehr Liebe zum Detail kreiert werden. Inspirieren lässt sich die Modedesignerin gerne von alten Mustern, oft auch aus den hauseigenen Stoffarchiven, die sie dann weiterentwickelt. Noch lieber aber spielt Theresa Lanz mit ungewöhnlichen Stoffkombinationen und Farben. Ein klassisches Baumwolldirndl mit typischem Lanz- Druck kombiniert sie mit einer knalligen Seidenschürze und heraus kommt jener bodenständige, aber dennoch moderne und innovative Look, für den Lanz so geschätzt wird.

Der Lanz-Look

Was Lanz von vielen anderen Trachtenherstellern unterscheidet, ist seine Geradlinigkeit sowohl in der Optik als auch in der Form. Der unnachahmliche „Lanz- Schnitt“, den die Salzburgerinnen genauso schätzen wie Kundinnen aus aller Herren Länder, wurde über viele Jahre hinweg perfektioniert, und auch die Stoffmuster haben Wiedererkennungswert. „Lanz hat seine Linie nie verlassen“, bekennt Theresa Lanz, „und diesen ganz eigenen und immer noch sehr ursprünglichen Stil möchten wir uns auch unbedingt beibehalten.“ Vielleicht ist ihre Trachtenmode genau deshalb auch auf internationalem Parkett so beliebt. Kurz vor Eröffnung der Salzburger Festspiele hat Theresa Lanz nämlich alle Jahre wieder Hochbetrieb. In der hauseigenen Maßschneiderei werden Festspieldirndln genauso in Auftrag gegeben wie Kinderdirndln und Trachtenanzüge für Herren.