Die Promenade der unbekannten Schätze

Die Hellbrunner Allee – ein Lokalaugenschein auf Salzburgs schönster Schotterstraße

Es ist wie eine Metamorphose: Auf Kilometer eins lässt man das urbane Alltagstreiben hinter sich. 2,5 Kilometer später hat sich die eigene Grundstimmung auf wundersame Weise verwandelt. Ähnlich dem Gefühl eines erklommenen Berges.

Schnurgerade zieht sich die Hellbrunner Allee von der Salzburger Innenstadt in Richtung Süden. Und nirgendwo sonst ist die Atmosphäre zu jeder Jahreszeit so märchenhaft magisch. Hier gibt sich alles, was die Natur an Idylle und Beschaulichkeit zu bieten hat, ein Stelldichein: alte Baumriesen, kleine Wasserläufe, weite Felder. Erhebt man den Blick, zeigen sich die steinigen Panoramen von Untersberg und Tennengebirge. In den warmen Jahreszeiten fließt der glasklare Hellbrunner Bach, der den Salzburgern aufgrund seiner einzigartigen Qualität lange als Trinkwasser- und Fischquelle galt, gemächlich im Licht der Sonne – wohingegen sich in den kalten Monaten ein geheimnisvoller Nebelschleier über die Felder legt. Dazwischen reihen sich – wie Perlen einer Kette – kleine Schlösser und bäuerliche Landhäuser aneinander. Seit jeher ist dieses Weg gewordene Kleinod vorwiegend den Einheimischen vorbehalten. Nur wenige von außerhalb kennen es. Und weil die Allee von allen Seiten so gut zu erreichen ist, wird sie auf viele Arten genutzt – zum Spazieren, zum Joggen oder zum Radfahren. Auch Reiter drehen hier ganz selbstverständlich ihre Runden.

Uralter Kulturboden

Schon früh galt Hellbrunn als Locus sacer, als heiliger Ort für Jäger und Hirten. Zugegeben, keine sehr romantische Erklärung für die Magie, die von der Gegend seit jeher ausgeht, ist in der geologischen Beschaffenheit des Bodens zu finden. Tief in der Erde bricht nämlich genau hier eine wasserführende Schotterterrasse ab und lässt zahlreiche Quellen zutage treten, die den Ort immer schon geprägt haben. Jagdbares Wild siedelte sich deshalb rund um die Hellbrunner Allee an, in den Bächen und Teichen wimmelte es von Fischen. Die Physiognomie von Hellbrunn erhielt sich durch die Jahrhunderte. Der vorgeschichtliche Jagdplatz wurde im Mittelalter in ein Tiergehege verwandelt – um einerseits den Erzbischöfen eine bequemere Jagd zu ermöglichen und andererseits einen lieblichen Ort, einen Locus amoenus, zu kultivieren. Den Tiergarten Hellbrunn gibt es bis heute.

Vom Reitclub zum Wohnzimmer

In der Zeit vor Mozart wurden Stallungen am südlichen Ende der Allee errichtet, die wahrscheinlich zum Schloss Hellbrunn gehörten. Später wurden sie zu einem Meierhof ausgebaut, der für die Lebensmittelbeschaffung des Schlosses zuständig war. In den 1950er- Jahren zog dort der St. Georgs Reitclub Salzburg ein. Später, in den 70er-Jahren erwarb eine Salzburger Unternehmerfamilie das Gebäude und baute es in den 80er-Jahren zu dem wunderbaren Besitz aus, der sich heute nobel zurückhaltend präsentiert.

Ich baue mir ein Lustschloss

Erst der revolutionäre Querdenker und visionäre Ästhet Markus Sittikus holte Hellbrunn aus dem Dunkel der Geschichte. Zwischen 1612 und 1619 war er Erzbischof von Salzburg und ließ Schloss Hellbrunn mitsamt Wasserspielen, Lustgarten und Allee innerhalb von nur zwei Jahren errichten. Und zwar um den Salzburgern die Melancholie auszutreiben, wie es heißt. Die galt bekanntlich schon seinerzeit als hartnäckige Modekrankheit der Städter, die Sittikus mittels seines Prinzips „Zerstreuung durch Überraschung“ therapieren wollte.

Für „Zerstreuung“ sorgen die berühmten Wasserspiele tatsächlich bis heute, da sie mit einer streng geometrischen Gartenästhetik, wie sie im 17. Jahrhundert en vogue war, nur wenig zu tun haben – eher im Gegenteil. Sittikus passte sich ganz den natürlichen Gegebenheiten an, ließ Brunnen an Quellen bauen und Bäche dort anlegen wo bereits vorher Bachläufe waren. Fontänen schießen nach wie vor aus Steinfiguren oder Stühlen und die Gäste wissen nie so genau, woher der nächste Wasserstrahl kommen wird. Am besten also im Hochsommer besuchen, wenn eine „kalte Dusche“ für die heiß ersehnte Abkühlung sorgt. Ob mit oder ohne Dusche: Nach einem Besuch von Sittikus‘ Wasserspielen sind Körper und Geist erfrischt – die „unbarockbarocke Therapie“ wirkt.

Inspiration für sein kleines Paradies auf Erden holte sich der Erzbischof schon als Kind: Da seine Mutter der Familie Borromeo angehörte, kam er mit acht Jahren zu seinem Onkel nach Italien und lernte dort die Villen von Mailand und Rom, Venetien und der Lombardei kennen, die für ihre edenhaften Gärten und reizvollen Wasserspiele berühmt waren. Außerdem galt Sittikus als ausgesprochener Liebhaber der feinen Künste: Im eigens angelegten Hellbrunner Steintheater ließ er die zu seiner Zeit berühmtesten Opernsänger auftreten. Sein Wappentier – der Steinbock – wurde lebendig in Hellbrunn gehalten und taucht wie ein modernes Logo aus Stein überall in Hellbrunn auf.