Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann

Wenn man mit 6.000 Hektar Fläche den größten Forstbetrieb im Bundesland Salzburg führt, Teil eines legendären Salzburger Familiengeschlechts ist, mit seiner Frau gemeinsam sechs Kinder großzieht sowie voller Ideen und Inspirationen steckt, kann es durchaus passieren, dass man trotz Adelsabschaffung „Baron“ genannt wird.

Max Mayr-Melnhof über Salzburg im Allgemeinen und die Aufgabe des sorgfältigen Denkens im Speziellen. „stil&wert“: Was macht eigentlich das Besondere aus, wenn man hier in Salzburg lebt und mit großen Traditionen leben darf? Max Mayr-Melnhof: Wenn du mich so fragst, habe ich meine Lieblingsantwort sofort parat: „Eigentlich leben wir hier in einem Dorf – aber garantiert in einem der schönsten Dörfer der Welt.“ Denn obwohl ja Weltkulturerbe – Salzburg als eine Stadt zu bezeichnen, wäre fast etwas zu viel. Und das wissen wir als eingefleischte Salzburger ja nun wirklich alle. Aber eigentlich macht das auch den ganz besonderen Reiz aus: So eröffnen sich nämlich in dieser charmanten Kleinheit unglaublich viele Vorteile – besonders, wenn es um einen Megatrend wie „Zurück zur Natur“ geht. Denn was wir in der Natur suchen, ist die Ruhe, diese unendlich schöne Zweisamkeit mit der Natur, das „Mit-ihr-Verschmelzen“. Selbstverständlich wird das auch vom Tourismus ausgeschlachtet, aber das müssen wir dulden, denn davon leben wir. Und das ist auch ein wesentlicher Bestandteil unseres Kapitals: die Gastronomie, die Infrastruktur, die Seen, die Berge, die Aufstiegs-hilfen und vieles mehr. Unterm Strich betrachtet müssen wir sehr, sehr dankbar sein für das, was wir haben. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass wir gerne auf hohem Niveau jammern. Das Paradies auf Erden einerseits und niedrige Immobilienpreise andererseits passen eben nicht zusammen, denn von der Qualität leben und profitieren wir letztendlich alle. Wenn hier unser Lebensmittelpunkt ist, dann brauchen wir konsequenterweise auch gute Kundschaft.

Birgt die vermehrte Nutzung der freien Gebiete, der Wälder, der Natur, der Flüsse nicht auch Gefahren? Da gibt’s die steigende Zahl der Radfahrer, die übersportlichen Mountainbiker, die Paragleiter, die doch als meist unbewusste Verscheucher auch Störenfriede sind. Und dann gibt’s den Jagdherrn und Großgrundverwalter, der schauen muss, dass sein Wild seinen Platz und seine Ruhezonen findet. Wie will er sich da arrangieren?

Der liebe Gott hat ja eigentlich zwölf Gebote geschrieben. Eines davon lautet: „Täusche dich nicht!“, und das letzte: „Lass dich nicht erwischen!“. Dazu ein paar Anmerkungen: Rund um und auf dem von uns mitzuverantwortenden Untersberg zählte man einmal eine halbe Million Besucher in der Saison. Also kann man jetzt nicht unbedingt sagen, dass es da ruhig zugeht. Vom Freilichtmuseum kommen 100.000, über die Untersbergbahn weitere 100.000 und der Rest bewegt sich halt irgendwo zwischendrinnen. Aus betriebswirtschaftlichen Gründen haben wir auch ganz bewusst Forstwege auf den Berg errichtet, aber wo ich eine Straße baue, hol ich mir auch Tourismus rein, das ist klar. Deshalb müssen wir als Jäger und Naturhüter sehr aufpassen, dieses Spannungsfeld intelligent zu bewältigen.

Natürlich ist die Hege aber wahrscheinlich der überwiegende Teil dieser großen Aufgabe.

Ja, aber wir wollen uns nicht dahinter verstecken. Jeder weiß, dass die Jagd auch mit dem Tod einhergeht, aber der stellt meist nur den Bruchteil einer Sekunde dar und ist für das große Gesamtverständnis wichtig. Der Rest wird gerne vergessen, macht aber einen Großteil unseres Selbstverständnisses aus: Wir arbeiten zum Beispiel mit vermeintlich banalem Ästeklauben dauernd an der Revitalisierung von Wildwiesen, damit die Wildvögel fliegen können – obwohl wir sie gar nicht mehr bejagen. In Wirklichkeit ist es die Summe der vielen kleinen Dinge, an denen wir uns erfreuen. So haben sich kürzlich – und das ist etwas Besonderes und gelingt nur in einer sehr ordentlich gepflegten Naturlandschaft – zwei Graugänse bei uns angesiedelt. Da sind wir dann schon glücklich, wenn sich diese Tiere als völlig neue Wildvogelart bei uns im Revier ansiedeln und ihre Brut großziehen. Ein verantwortungsbewusster Grundeigentümer braucht einfach dieses Bekenntnis zur Natur. Das ist fast schon ein „politisches Statement“, denn ich schmunzle immer wieder über mich, weil jeder weiß, wo die Familie Mayr-Melnhof hingehört. Aber aus tiefstem Herzen bezeichne ich mich sehr gerne als „echten Grünen“.

Stichwort Kinder: Mit deinen sechs Sprösslingen betrittst du als bekennend analoger Begleiter eine digitale Welt, die vielleicht nicht deine ist. Aus dieser „neuen Welt“ entsteht aber derzeit eine signifikante Strömung, die die ganz einfachen kleinen Freuden direkt in der Nähe, in der Natur zum stark nachgefragten Trend macht. Diese ganze Outdoor-Thematik – das Wandern, mit Freude wieder hier Urlaub machen, in die Berge gehen –, ist sie für dich nachvollziehbar?

Man sagt ja gerne, man muss die eigenen Kinder eh nicht erziehen, weil die kopieren einen sowieso. Da kann man machen, was man will. Wenn ich sage: „Du darfst nicht rauchen!“, selbst aber rauche, nützt das sowieso nichts. So betrachtet versuchen wir, unseren Kindern die Liebe zur Natur nahezubringen, ihnen die Augen zu öffnen und sie dafür zu begeistern. Und ich glaube, bis dato ist uns das ganz gut gelungen. Schauen wir mal, wie es weitergeht. Ich glaube, wir haben da vielleicht einen kleinen Teil nicht ganz falsch gemacht. Ich sag noch nicht mal richtig gemacht. Aber logischerweise haben sie natürlich ihre Handys und ihre PCs, an denen sie mehr Zeit verbringen, als uns das lieb ist. Andererseits nutzen diese Kommunikationsmittel ja auch viel, weil man heutzutage so fast jede Information bekommen kann.

Trotzdem glaube ich, dass dieser neue Mega-Trend „Hinaus in die Natur“ noch mehr Zulauf als bisher geahnt erfahren wird. Und von unberührter Natur gibt es sehr, sehr wenig. Also ja – der Trend ist voll nachvollziehbar. Aber es gibt auch eine Gegenseite, die uns bewusst werden sollte und nichts mit Natur- Romantik zu tun hat. Wenn wir uns einbilden, wir bräuchten wieder Wölfe, Bären, Biber und Luchse – da muss ich sagen: „Haben wir eigentlich keine anderen Probleme?“ Diese Idee kostet nur einen Haufen Geld und macht keinen Sinn. Vor allem, wenn man in der Geschichte zurückschaut, warum es diesen Tierbestand nicht mehr gibt. Es waren nämlich nicht die Jäger, sondern die landwirtschaftliche Bevölkerung, die mit einer Vielzahl dieser tierischen Räuber in unglaubliche Konflikte gekommen sind. Heute bilden sich angeblich ökologisch orientierte Schreibtischwohltäter ein, dass nur durch Wiedereingliederung die Ökologie in Ordnung kommt. Das funktioniert aber nicht! Wir reden hier ja nicht von Teddybären. Von den Folgekosten bezüglich Schäden, Bewachung und Reparaturen reden wir an dieser Stelle erst mal gar nicht. Tatsache ist, dass die Almen noch mehr zuwachsen werden, weil sie nicht mehr adäquat und hegerichtig bewirtschaftet werden können.

Dann werden wir diese Schönheit der freien Flächen und der Kulturlandschaft verlieren. Und da haben wir Angst, dass der Bär, der Wolf und der Biber nicht mehr viel gesehen werden? Diese wahnsinnigen Ideen, die da zum Teil geboren werden, laufen meiner Meinung nach komplett konträr. Wie viele Bauern haben denn in den letzten 20 – 30 Jahren aufgehört? Das war ein sehr großer Prozentsatz. Und die geblieben sind, müssen immer schneller wachsen, werden immer industrieller und pflegen eigentlich die Landschaft nicht mehr so wie früher. Als Kinder haben wir überall diese Schwedenreiter gesehen, diese Spieße im Hochgebirge, auf denen das Heu oben gehangen hat. Das kennen wir doch alle gar nicht mehr.

Was können wir daraus ableiten?

Sehen wir es doch mal so: Man muss schon sehr organisiert sein, denn in Summe müssen wir auch viel mehr leisten als unsere Eltern. Wenn wir heute nach Wien fahren, arbeiten wir im Grunde drei Stunden im Zug. Wir lesen Artikel, lassen uns Verträge schicken, checken alles Mögliche auf Google, beantworten E-Mails und so weiter. Das war ja früher nicht möglich. Dafür gab es auch kein „Burn-out“, einen Begriff, den ich erst als 30-Jähriger kennengelernt habe. Früher gab es diese Form der Depression gar nicht, da hatte jeder Bandscheibenprobleme – bis auf die, die hart gearbeitet haben und viel mehr draußen waren. Und heute – mit zehn Stunden täglich vor dem Computer? Sollten wir das vielleicht Bandscheiben-Burn-out nennen? Ich weiß nicht. Nur so viel: raus in die Natur und erleben, spüren, genießen.

Danke für das Gespräch.